Denise Mina, die schottische Hochmeisterin des Tartan Noir, hat ein feines Gespür für die Psychologie ihrer Figuren. In Blood Salt Water, Band fünf ihrer brillanten, in Glasgow verorteten Thriller-Reihe, sieht sich ihre Ermittlern DI Alex Morrow mit ihrem bisher schwersten Fall konfrontiert. Krimiscout folgt der hochtalentierten Denise Mina bereits seit ihrem Debütroman Garnethill (dt. Schrei lauter, Maureen, ÜS: Doris Styron) und bedauert einmal mehr, dass diese Autorin mit ihren herausragenden, streckenweise beeindruckend literarischen Titeln in Deutschland (noch) keinen durchschlagenden Erfolg hatte. Völlig zu recht ist die mehrfach ausgezeichnete Mina in Schottland und UK seit langem hochverehrt und hat eine große Fangemeinde, zu der – zugegebenermaßen – auch Krimiscout gehört. Grund genug, den neuesten, wiederum hervorragenden Roman  Blood Salt Water zum Tipp des Monats auszurufen.

„Fort, verdammter Fleck!“

Zwei Männer, eine Frau, die sich „lammfromm“ in den Tod führen lässt, und ein idyllischer Ort, hinter dessen Fassade das Verbrechen lauert – so beginnt Denise Minas Roman mit dem wunderbar poetischen Titel Blood Salt Water. Iain Fraser heißt der Mörder der jungen Frau, die auf den ersten Seiten dieses Romans am Ufer von Loch Lomont auf brutale Weise ums Leben kommt. Er ist ein Knastbruder, sprichwörtlich mit allen Wassern gewaschen. Doch als die Frau ihr Leben aushaucht, glaubt Fraser den Namen seiner Mutter Sheila zu vernehmen. Wie ein Fluch verfolgt ihn die Vorstellung, er habe mit dem Todesseufzer seines Opfers die Seele seiner Mutter eingeatmet.

„Der Mörder irrt durch Helensburgh, wo Schottlands Reiche in Prachtvillen mit Blick auf den See einen entspannten Alltag fernab vom Schmutz und Lärm der Großstadt genießen“

Getrieben von Schuldgefühlen versucht er, sich im See das Blut von den Händen zu waschen – eine Szene mit Anklängen an Shakespeares großes Drama Macbeth. Aber nur Salzwasser kann Blut entfernen, das wusste schon Frasers Mutter. Fortan irrt der Mörder durch Helensburgh, wo Schottlands Reiche in Prachtvillen mit Blick auf den See einen entspannten Alltag fernab vom Schmutz und Lärm der Großstadt genießen.

Komplexe Gemengelage mit zahlreichen Akteuren

Nach Helensburgh verschlägt es diesmal auch DI Alex Morrow und ihren Kollegen Howard McGrain. Im Rahmen einer Betrugsermittlung war Morrow mit der Überwachung der Spanierin Roxanna Fuentecilla betraut, die kurz nach ihrer Ankunft in Glasgow ein zwielichtiges Versicherungsunternehmen kaufte. Doch das Geld für diese Transaktion stammte aus fremden Quellen, Fuentecilla ist nur ein kleines Rädchen im Getriebe, sie ist vermutlich Teil einer groß angelegten Geldwäscheaktion, weswegen sie unter Beobachtung stand. Als die junge Frau spurlos verschwindet, steht Morrow vor einem Problem. Nur durch den günstigen Umstand, dass Fuentecillas Kinder ihre Mutter mit einem Anruf bei der Polizei als vermisst melden, kann sie die  Ermittlungen unter dem Deckmantel der Verfolgung einer Vermisstenanzeige fortführen. Verbindungsdaten von Roxannas Handy führen sie auf ein Feld in der Nähe von Helensburgh, wo Morrow und McGrain auf das leere Auto der Vermissten stoßen. Ist sie Opfer eines Verbrechens geworden? Ist Roxanna die tote Frau aus dem See? Oder hat sie sich abgesetzt?

Blood Salt Water: Tod am See

Etwa zur selben Zeit kehrt Susan Grierson aus den USA nach Helensburgh zurück, um den Nachlass ihrer Mutter zu ordnen. Sie sucht alte Bekannte auf, Iain Fraser und seinen entfernten Verwandten Boyd Fraser, die sich zwar an sie erinnern, sie aber nicht sofort als ihre alte Pfadfinderleiterin erkennen. Für eine ansonsten seriös wirkende Fünfzigjährige benimmt sich Susan Grierson außerdem recht seltsam, sie kauft und schnupft Kokain und macht beiden jüngeren Männern sexuelle Avancen. Dann geht plötzlich eine Kneipe in Flammen auf, der Besitzer und seine kleine Tochter sterben in den Flammen. Helensburgh ist auch die neue Heimatstadt des berüchtigten Großkriminellen Mark Barratt, der noch eine offene Rechnung mit dem Kneipenbesitzer hatte,  zur Zeit des Brandes aber in Spanien weilte. Morrows Fall wird immer komplexer.

Intelligent und anspruchsvoll

Denise Mina entwickelt in diesem Roman eine hochkomplexe Handlung, die dem Leser hohe Aufmerksamkeit abverlangt. Ihre Heldin ist eine authentische Ermittlerin, die sich gerade durch ihre Normalität hervortut und nicht von dem ablenkt, was bei allen Romanen dieser Autorin im Mittelpunkt steht: die Ursachen und Umstände, die Menschen zu Verbrecher machen. Darin unterscheiden sich diese Bücher von den so genannten Whodunnits oder Police Procedurals, also Krimis, in denen es in erster Linie um polizeiliche Aufklärungsarbeit oder die Suche nach dem Täter geht.

„Minas Geschichten sind fein gezeichnete Psychogramme der schottischen Gesellschaft“

Minas Geschichten sind fein gezeichnete Psychogramme der schottischen Gesellschaft, Miniaturen, an deren Anfang zwar immer ein Verbrechen steht, die aber vor allem einen Einblick in die Befindlichkeiten der Figuren geben. Die große schriftstellerische Reife der Autorin zeigt sich vor allem dort, wo es ihr gelingt, beim Leser Mitleid mit dem Verbrecher zu erregen, ein Gefühl, dessen man sich nicht erwehren kann, obwohl man es als unangemessen wahrnimmt.

Lesen lohnt sich

Autoren wie Denise Mina sind eine Bereicherung für das Krimigenre, weil sie die oft bei dieser Gattung vorgenommene Unterscheidung zwischen „Literatur“ und „Unterhaltung“  überflüssig macht – ihre Romane sind beides, spannend und literarisch. Ähnlich wie in den Romanen des großartigen, leider kürzlich verstorbenen Autors William McIlvanney ist auch bei Mina das Verbrechen mehr als ein Gesetzesbruch. Das Gesetz ist mit Fehlern behaftet, ein unzureichendes Konstrukt, das oft genug nicht für Gerechtigkeit sorgt. Gerechtigkeit aber liegt Mina am Herzen, denn sie ist eine Moralistin, will wissen und zeigen, wie und warum Menschen „‚richtig“ oder „falsch“ denken, fühlen, handeln.

„Ähnlich wie in den Romanen des großartigen Autors William McIlvanney ist auch bei Mina das Verbrechen mehr als ein Gesetzesbruch“

Bei Mina ist Mord ein Verbrechen, weil der Mörder – oder derjenige, der sich das Recht herausnimmt, den Tod anderer Menschen anzuordnen – ein  psychopathologischer Egoist ist. Das wahre Verbrechen liegt in der Annahme, dass andere nicht wichtig, nichts wert, eben einfach Hindernisse sind, die man einfach aus dem Weg räumen kann. Mord ist nichts anderes als die Missachtung der Daseinsberechtigung anderer, ein Ausdruck des selbstsüchtigen Narzissmus. Und doch versteht Mina, warum manche unter einem unerträglichen Druck stehen und zu einer  solchen Tat fähig sind. Blood Salt Water ist ein Roman mit mehreren Tätern, und nicht alle sind gleich leicht zu verdammen.

Blood Salt Water bringt seine Leser zum Nachdenken und Mitfühlen – die höchste Auszeichnung für einen guten Roman.

Die Autorin

Denise Mina wurde 1966 im schottischen Glasgow geboren. Ihr Vater arbeitete in der Ölbranche, weshalb sie mit ihrer Familie in verschiedene, an der Nordsee gelegene Länder Europas zog. 1982 verließ Mina die Schule und schlug sich mit verschiedenen Aushilfsjobs durch, bis sie mit zwanzig Jahren ihren Schulabschluss nachholte, um an der Glasgow University Jura zu studieren.

Als Doktoranden-Stipendiatin war Mina schließlich in der Lage, ihren ersten Kriminalroman zu schreiben. Garnethill (dt. Schrei lauter, Maureen) erhielt kurz nach seinem Erscheinen 1998 den John Creasey Dagger für das beste Krimi-Debüt des Jahres. Garnethill war der erste Band einer Trilogie.

Denise Mina schreibt nicht nur Kriminalromane, sondern auch Comics. Sie arbeitete ein Jahr lang als Texterin für Serie Hellblazer und lieferte die Vorlagen für verschiedene Graphic Novels. Sie verfasst außerdem Texte fürs Radio und TV.  2006 schrieb Mina ihr erstes Theaterstück.

Buchinfo

Titel: Blood Salt Water
Format: Taschenbuch
Verlag und Erscheinungsjahr: Orion 2015
Seiten: 368

Weiterführende Informationen

Denise Mina spricht im Interview über den Entstehungsprozess, zentrale Motive und die Figuren in Blood Salt Water.

Der Titel des Buches beruht auf einem Zitat von Präsident John F. Kennedy

Auszeichnungen

1998 John Creasey Dagger Best First Crime Novel, Garnethill
2011 Schwedischer Krimipreis (Bästa till svenska översatta kriminalroman), The End of the Wasp Season
2012 Theakston’s Old Peculiar Crime Novel of the Year Award, The End of the Wasp Season

Autoreninformation

Denise Minas Homepage

Bisher erschienen:

Garnethill-Trilogie:

  • Garnethill (Schrei lauter Maureen, dt. von Doris Styron). Droemer Knaur, München 2001 – Gewinner eines Dagger Awards
  • Exile (Die zweite Tote, dt. von Doris Styron). Droemer Knaur, München 2003
  • Resolution. Bantam Books, London 2002

Paddy-Meehan-Reihe

  • The Field of Blood (Der Hintermann, dt. von Doris Styron). Droemer Knaur, München 2007
  • The Dear Hour. Wheeler Publ., Waterville, Me. 2006
  • The Last Breath (Der letzte Wille, dt. von Conny Lösch). Heyne, München 2013

Alex-Morrow-Reihe:

  • Sanctum (Refugium, dt. von Doris Styron). Droemer Knaur, München 2004
  • Still Midnight (In der Stille der Nacht, dt. von Conny Lösch). Heyne, München 2010
  • The End of the Wasp Season (Blinde Wut, dt. von Conny Lösch). Heyne, München 2011
  • Gods and Beasts, Reagan Arthur Books, 2013
  • The Red Road (Das Vergessen, dt. von Heike Schlatterer). Heyne, München 2014

Andere Titel

  • Sanctum (Refugium, dt. von Doris Styron) Droemer Knaur, München 2004
  • A Sickness In The Family (Graphic Novel)

Kontakt für Verlage

Stephen Edwards,
20 Powis Mews
London W11 1 J
UK


Ein Interview mit Denise Mina lesen Sie hier.


Bildnachweis

Beitragsbild  © Stephan Goldmann, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung

Bild 1  © Stephan Goldmann, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung