Leser, die bei Krimis mit dem inflationär verwendeten Wort »GIRL« im Buchtitel Ausschlag bekommen und bei der Erwähnung der Kategorie »Domestic Noir« genervt abwinken, haben mein volles Verständnis. Den Debütroman »The Lost Girls« von Heather Young allerdings nur deshalb nicht zu lesen, wäre eine Schande.

Denn wie heißt es so schön: »Never judge a book by its cover«.

Totenwache für eine Sechsjährige

1935: Die sechsjährige Emily Evans verschwindet eines Nachts aus ihrem Zimmer im Sommerhaus der Familie an einem abgelegenen See in Minnesota/USA. Trotz unermüdlicher Suche fehlt von dem kleinen Mädchen jede Spur. Jahre vergehen. Der Verlust der jüngsten Tochter zerstört die Familie, der Vater begeht Selbstmord, die Mutter bleibt mit den beiden älteren Schwestern im Sommerhaus zurück.

Sechzig Jahre später: Lucy, die mittlere Schwester, wohnt allein im Sommerhaus, sie hat ihre Mutter und ihre größere Schwester überlebt. Vor ihrem Tod entschließt sich Lucy, die Geschehnisse jenes tragischen Sommers aufzuschreiben und die Aufzeichnungen sowie das Haus ihrer Großnichte Justine zu vermachen. Als kleines Mädchen verbrachte Justine zwar nur einige Wochen bei ihren Tanten am See, doch ihr kurzer Aufenthalt hinterließ einen bleibenden Eindruck.

Das Sommerhaus ist so gut wie unbewohnbar, der dunkle, totenstille See so isoliert wie unheimlich – und Justines einziger Nachbar ist ein seltsamer Alter, der offenbar genau weiß, was in jenem Sommer geschah, als Emily verschwand.

Heute: Als Justine eines Tages heimkehrt und ihr Haus in einem Zustand der Verwüstung vorfindet, deutet alles auf einen Einbruch hin – wäre da nicht der Umstand, dass die Szene irgendwie gestellt wirkt und ihr kontrollsüchtiger Freund schon Sekunden später wie gerufen im Türrahmen steht. Also tut Justine das, was sie schon von ihrer Mutter gelernt hat: Sie packt ihre Sachen, schnappt sich ihre beiden Töchter und verschwindet.

Da trifft es sich besonders günstig, dass sie nur Tage zuvor erfahren hat, dass ihre verstorbene Großtante Lucy ihr ein Sommerhaus vererbt hat, an das sie wunderbare Erinnerungen hat. Voller Zuversicht, am See endlich Stabilität und Sicherheit zu finden, macht sie sich also auf nach Minnesota, zwei nörgelnde Mädchen auf dem Rücksitz.

Doch es ist Winter, und das Sommerhaus ist das, was der Name verspricht: ein Ferienhaus für den Sommer. Es kommt noch schlimmer: Das Haus ist so gut wie unbewohnbar, der dunkle, totenstille See so isoliert wie unheimlich – und Justines einziger Nachbar ist ein seltsamer Alter, der offenbar genau weiß, was in jenem Sommer geschah, als Emily verschwand.

Die üblichen Verdächtigen?

Zugegeben: Die Ausgangskonstellation dieses Romans ist nicht besonders originell. Doch wer käme auf die Idee, ein Gericht nur deshalb zu verschmähen, weil die verwendeten Zutaten bereits bekannt sind? Und der Krimiscout würde sein Ziel verfehlen, wenn er sich nicht auf Spannungsromane aller Art einließe.

Niemand käme auf die Idee, ein Gericht nur deshalb zu verschmähen, weil er die verwendeten Zutaten kennt.

Ans Eingemachte also: Heather Young wählte für ihren Roman eine altbekannte Erzählform, die bei ihr auf drei Zeitebenen verläuft, wobei eine Ebene in der Gegenwart, eine in der näheren und eine in der älteren Vergangenheit angesiedelt sind. Dabei gibt Young ihrer Lucy eine direkte Erzählstimme, die alte Dame schildert die Ereignisse in der ersten Person und zwar in Form eines langen schriftlichen Geständnisses.

 Wie die Hauptperson kreist der Leser um das Rätsel im Zentrum des Romans. Diese Sogwirkung wird durch die flüssige, klare Sprache der Autorin verstärkt.

Diese Anordnung sorgt dafür, dass der kritische Kern dieses Romans, die tragische Kette der Ereignisse, die schließlich zu Emilys Verschwinden führten, in ungefilterter Nähe zum Leser erzählt werden. Folgerichtig wird Justines Geschichte aus einer distanzierteren Figurenperspektive geschildert. Wie die Hauptperson kreist der Leser praktisch um das Rätsel im Zentrum des Romans. Diese Sogwirkung wird durch die flüssige, klare Sprache der Autorin verstärkt, die ihre Leser schon nach den ersten Seiten fest in ihren Bann zieht.

Empfehlung für Geduldige

Die in »The Lost Girls« versammelten Motive mögen dem geneigten Leser auf Anhieb bekannt vorkommen, doch genau darin liegt der besondere Reiz des Romans. Die Autorin spielt bewusst mit unseren Erwartungen, erfüllt sie auch zum Teil, würzt ihre Handlung aber glücklicherweise mit einigen plausiblen Wendungen.

Am Ende liefert das Buch seinen Lesern also einen Lesegenuss – trotz oder vielleicht sogar jenseits aller Klischees

Am Ende liefert das Buch seinen Lesern also einen Lesegenuss – trotz oder vielleicht sogar jenseits aller Klischees. Einzig ein paar erzählerische Längen trüben dieses durchaus empfehlenswerte Spannungsdebüt. Eine klare Empfehlung für Krimifans mit Geduld für feine, psychologische Spannung, die mit dem Konzept der »Familie als Hort des Bösen« etwas anfangen können.

(c) Andrea O’Brien, 2017