Thomas Mullen und Attica Locke, zwei zeitgenössische amerikanische Autoren, behandeln in ihren neuesten Romanen die rassistische Seite der Vereinigten Staaten. Krimiscout hat »Bluebird, Bluebird« und »Lightning Men« gelesen – und bei der Lektüre ein paarmal schwer geschluckt.

Rassismus in Amerika I

2017: »Bluebird, Bluebird«

Attica Locke ist eine bekannte US-Autorin, die bereits mit ihrem Erstling »Black Water Rising« den großen Durchbruch hatte, seitdem mehrere gesellschaftskritische Spannungsromane veröffentlichte und für eine TV-Serie verantwortlich zeichnet. »Bluebird, Bluebird« ist ihr neuestes Werk, ein Spannungstitel, der allerdings weit mehr ist als ein schneller Thriller.

Der schwarze Texas Ranger Darren Matthews wird in einer Kleinstadt im tiefsten Texas mit zwei Morden konfrontiert. Angesichts der unverhüllten Diskriminierung, die ihm bei seinen Ermittlungen entgegenschlägt, könnte man glatt vermuten, dass der Ku-Klux-Klan seine öffentlichen Aktivitäten nie eingestellt hat und die Zeiten, als die schwarze Bevölkerung in den USA in Terror und Angst leben musste und Lynchjustiz an der Tagesordnung war, immer noch andauern.

Matthews wurde vom Dienst suspendiert, weil er einem alten Freund geholfen hat, als er und seine Enkeltochter von einem weißen Rassisten und Mitglied der Aryan Brotherhood of Texas terrorisiert wurden. Wenige Tage später ist der Mann tot, und Matthews’ Freund der Hauptverdächtige. Die Aryan Brotherhood of Texas ist eine starke, tatsächlich noch aktive rassistische Verbindung, die neben Hass und Gewalt auch für illegalem Drogen- und Waffenhandel verantwortlich zeichnet. Dieser Gruppe hat Matthews den Kampf angesagt.

In Zeiten der breiten Unterstützung für Donald Trump liefert Lockes Roman Einblicke in das tief verwurzelte Selbstverständnis weiter Teile der amerikanischen Gesellschaft – auch heute noch

Als Matthews von einem Kollegen erfährt, dass im kleinen Ort Lark in Shelby County zeitgleich zwei Menschen ermordet wurden, der schwarze Anwalt Michael Wright und eine junge Weiße namens Missy, wittert er einen rassistischen Hintergrund und nimmt auf eigene Faust die Ermittlungen auf. Dabei schlägt ihm aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe von einigen Weißen unverhohlener Hass entgegen. Am Ende steht Matthews allein da, und muss sich gegen den Sheriff des kleinen Ortes und selbst gegen seine eigene Truppe, die Texas Ranger, durchsetzen.

Der Titel »Bluebird, Bluebird« bezieht sich auf einen symbolischen Song von John Lee Hooker: »Bluebird, Bluebird, take this letter South for me«. In Zeiten der breiten Unterstützung für Donald Trump liefert Lockes Roman Einblicke in das tief verwurzelte Selbstverständnis weiter Teile der amerikanischen Gesellschaft – auch heute noch.

Bild 1 Krimiscout-Besprechung Bluebird, Bluebird, Attica Locke und Lightning Men, Thomas Mullen

Rassismus in Amerika II

1950: »Lightning Men«

Thomas Mullen, dessen Debütroman »Darktown« der Krimiscout mit Begeisterung gelesen und ausführlich besprochen hat, setzt mit »Lightning Men« die Serie um die schwarzen Cops Lucius Boggs und Tommy Smith im Atlanta der Fünfzigerjahre fort – und präsentiert darin eine bedrückend enge Welt der rassistischen Kleinbürgerlichkeit, die den Leser bis an die Grenzen des Erträglichen treibt.

»Lightning Men« setzt zwei Jahre nach den Ereignissen in Mullens Debüt »Darktown« ein. Smith und Boggs sind immer noch Teil der winzigen Einheit schwarzer Cops mit wenig Macht und extrem eingeschränktem Handlungsspielraum. In diesen Zeiten, als die strikte Rassentrennung hier und da etwas aufweicht, erstarkt unter der weißen Bevölkerung der Widerstand. Der Ku-Klux-Klan und Sympathisanten der Nazis übertreffen sich im lautstarken und regelmäßig gewalttätigen Protest gegen die schwarzen Emporkömmlinge, die es wagen, in weißen Siedlungen Häuser zu erwerben. Natürlich gibt es auch unter den weißen Polizisten Sympathisanten und Opportunisten, die aus dieser Situation Profit schlagen oder einfach ihrem Rassenhass frönen. Alkohol- und Drogenschmuggel hat Hochkonjunktur, Drogenbarone ziehen gegeneinander ins Feld.

In dieser Gemengelage werden sowohl Boggs und Smith, als auch der junge weiße Polizist Rakestraw vor schwere Entscheidungen gestellt.

Die persönlichen Schicksale seiner Protagonisten verwebt Mullen hier geschickt mit akribisch recherchierten historischen Ereignissen. So erlebt der Leser diese bedrückende Zeit hautnah mit, was oft schwer zu ertragen, aber unbedingt lesenswert ist.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse in Charlottesville wirkt dieser spannende Roman wie ein mahnender Rückblick auf eine Zeit, in der Rassismus fast zum guten Ton der weißen Gesellschaft gehörte.

Oft geht mit dem Thema Rassismus und Diskriminierung von Schwarzen in der amerikanischen Literatur eine gewisse Klischeehaftigkeit einher, und es ist bedauerlich, wenn schwarze Protagonisten ausschließlich in der Opfer- oder Sklavenrolle anzutreffen sind. Mullen hat in seinem zweiten Roman eine gelungene Balance gefunden, er geht auf Fehler und Verbrechen an der schwarzen Bevölkerung ein, wählt als Protagonisten aber Menschen, die nicht in dieser Ungerechtigkeit verharren, sondern vorausschauend agieren und so eine Weiterentwicklung möglich machen.

Mullen greift in seinem Romanen einige immer noch aktuelle Themen auf und behandelt Konflikte, die weit über die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung im Amerika der Fünfzigerjahre hinausweisen. Die »Ängste und Sorgen« der Bewohner einer ausschließlich von Weißen bewohnten Siedlung, in der drei schwarze Familien Häuser erwerben, lässt Parallelen zur Reaktion der Menschen im heutigen Europa im Umgang mit Migraten und Asylantenwohnheimen zu. Und genau das macht diesen Roman nicht nur spannend, sondern zutiefst verstörend.

Auch vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse in Charlottesville wirkt dieser komplexe Roman wie ein mahnender Rückblick auf eine Zeit, in der Rassismus fast zum guten Ton der weißen Gesellschaft gehörte.

Lesern, die von Krimis mehr als einen schnellen Nervenkitzel erwarten, sei die Lektüre dieser Romane dringend ans Herz gelegt.

 

(c) Andrea O’Brien, 2017


Weiterführende Informationen

Empire ist eine Serie auf Fox TV.

Die Autorin

Attica Locke wurde in Houston, Texas, geboren und lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Los Angeles, Kalifornien.

Attica Lockes dritter Roman »Pleasantville« gewann 2016 den Harper Lee Prize for Legal Fiction und stand auf der Longlist des Bailey’s Prize for Women’s Fiction. Ihr erster Roman »Black Water Rising« wurde für den  Edgar Award, den NAACP Image Award und den Los Angeles Times Book Prize nominiert und stand auf der Shortlist für den Women’s Prize for Fiction. Ihr zweiter Roman »The Cutting Season« schaffte es in den  USA auf die  Bestsellerlisten und gewann den Ernest Gaines Award for Literary Excellence.

www.atticalocke.com

Der Autor

Thomas Mullens erster Roman »Darktown« gewann den NPR Best Book of the Year Award und stand auf der Shortlist für den Los Angeles Times Book Prize, den Southern Book Prize, den Indies Choice Book Award und wurde für einen CWA Dagger Award nominiert. »The Last Town on Earth« wurde 2006 von USA Today zum Besten Debütroman gewählt und erhielt den James Fenimore Cooper Prize for excellence in historical fiction; weitere Romane von Mullen: »The Many Deaths of the Firefly Brothers« und »The Revisionists«

Thomas Mullen lebt mit Frau und Söhnen in Atlanta.

www.thomasmullen.net