Der seltsam anmutende Titel des dritten Romans von Tom Franklin, der in USA und UK gefeiert und 2011 mit dem Gold Dagger ausgezeichnet wurde, ist einer Eselsbrücke geschuldet, mit deren Hilfe Schüler in Mississippi den Namen ihres Bundesstaates buchstabieren lernen. Der crooked letter steht für dabei für das „s“.

Krumm wie das Leben der Protagonisten

Wenig geradlinig wie der Buchstabe „s“ verläuft auch das Leben der beiden Protagonisten dieses Thrillers, der in einem kleinen Ort in den Südstaaten der USA names Chabot, Mississippi, angesiedelt ist. Die Doppelung des Titels verweist auf die Dualität der Handlung und seine beiden Hauptfiguren Silas Jones und Larry Ott.

Larry Ott ist im Ort unter dem Spitznamen „Scary Larry“ bekannt, weil sich alle einig sind, dass er die junge Cindy Walker umgebracht hat. Vor 25 Jahren verschwand Cindy spurlos nach einem Date mit dem als Dorfidioten stigmatisierten Larry. Er wurde zwar nie für das Verbrechen verurteilt, aber fortan aus der Gesellschaft des Ortes ausgeschlossen.

 „Als die neunzehnjährige Tina Rutherford verschwindet, ist jedem in Chabot klar, wer dafür verantwortlich ist“

Seitdem führt Larry ein Leben in ritualisierter Einsamkeit. Er mag Bücher, am liebsten Horrorgeschichten, was ihn für die Täterrolle geradezu prädestiniert. Jeden Morgen schlüpft er in seine frisch gewaschene und gestärkte Arbeitskleidung und macht sich auf in die Autowerkstatt seines verstorbenen Vaters, die sich vor allem durch die Abwesenheit von Kunden auszeichnet. Jeden Sonntag besucht er seine Mutter im Heim.

Als die neunzehnjährige Tina Rutherford verschwindet, ist jedem in Chabot klar, wer dafür verantwortlich ist. Auch Larry erkennt, dass er erneut unter Verdacht gerät, und ist daher wenig überrascht, dass sein Haus vermehrt zum Ziel betrunkener Vandalen aus dem Ort wird. Doch dann geschieht etwas viel Dramatischeres: Larry wird erschossen, der Täter verfehlt sein Herz um Haaresbreite.

Dieses Verbrechen steht am Beginn dieser Geschichte. Die Schießerei ruft Silas Jones auf den Plan, ein junger Schwarzer, der nach einigen Jahren der Ausbildung als Constable wieder an seinen Heimatort zurückgekehrt ist. Silas wird mit den Ermittlungen in diesem für die Polizei des Ortes wenig interessanten Fall betraut.

Silas und Larry verbindet eine gemeinsame Vergangenheit und ein dunkles Geheimnis. Der junge Larry, Sohn einer weißen, bürgerlichen Mittelschichtsfamilie, wird von der Mutter verhätschelt und vom handwerklich geschickten Vater, dem die florierende Werkstatt des Ortes gehört, wegen seiner Liebe zu Büchern und seines „unmännlichen“ Wissensdursts verachtet. Auch in der Schule ist Larry wenig beliebt und gilt als Objekt der allgemeinen Belustigung.

Die Vergangenheit ist ein Wiedergänger

In seiner verzweifelten Einsamkeit wünscht sich Larry nichts sehnlicher als einen Freund. Der Wunsch wird ihm auf unerwartete Weise erfüllt, als sein Vater auf der Fahrt zur Schule einer am Straßenrand auf den Bus wartenden, ärmlich gekleideten Schwarzen und ihrem Sohn eine Mitfahrgelegenheit anbietet. Diese Szene wiederholt sich fortan jeden Morgen.

 „Leser, die hier einen Krimi um vermisste und ermordete Frauen erwarten, werden enttäuscht sein“

Zwischen den grundverschiedenen Jungs entwickelt sich eine heimliche Freundschaft jenseits jugendlicher Coolness und der in den Siebzigerjahren wegen der Aufhebung der Rassentrennung schwelenden ethnischen Konflikte. Larry versteht allerdings nicht, dass er über die freundliche Geste seines Vaters Stillschweigen zu bewahren hat. Ohne zu ahnen, was er lostritt, verrät er ein wohlgehütetes Geheimnis, das zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen den Eltern führt und ihm den stummen Zorn seines Vaters einträgt. Die morgendlichen Fahrten sind vorbei, doch die Freundschaft zwischen Silas und Larry geht im Verborgenen weiter. Als sich die attraktive Cindy zur Verwunderung aller zu einem Date mit Larry verabredet und danach spurlos verschwindet, gerät Larry sofort unter Verdacht. Als Folge geht auch seine Freundschaft mit Silas in die Brüche. Silas verlässt Chabot, Larry bleibt zurück.

Leser, die hier einen Krimi um vermisste und ermordete Frauen erwarten, werden enttäuscht sein. Das Verschwinden der jungen Frauen verweist zwar auf ein Verbrechen, steht aber nicht im Vordergrund des Geschehens. Hier geht es um mehr.

Schon Faulkner wusste, dass sich die Vergangenheit nicht beerdigen lässt. Auch in dieser Geschichte brechen die Wunden der Vergangenheit wieder auf. Getrieben von Furcht und Feigheit hat Silas vor Jahren einen schlimmen Fehler begangen. Als Constable muss er sich seiner Schuld nun stellen, erhält aber auch die Gelegenheit, das Unrecht wiedergutzumachen.

Freundschaft und Verrat

Franklin beschreibt in Crooked Letter, Crooked Letter eine tief bewegende Geschichte um Freundschaft und Verrat. Handlung, Sprache und Rhythmus dieses Romans sind perfekt aufeinander abgestimmt. Besonders eindringlich und authentisch beschreibt der Erzähler die Einsamkeit des Larry Ott als Junge und als Erwachsener. Mit seiner bildhaften, indirekten Erzählweise verweist der Autor auf tiefere Schichten des Erlebens, überlässt es aber dem Leser, sich diese zu erschließen. Die Wirkung ist umso stärker. Wie ein alter Pick-up-Truck rumpeln Franklins Sätze durch die Seele seiner Leser und hinterlassen dort tiefe Furchen.

Doch der Roman funktioniert nicht nur wegen seiner unvollkommenen Protagonisten, der dialektal eingefärbten Sprache und dem vielschichtigen Thema, sondern auch wegen seines mit ungeschöntem Realismus beschriebenen Handlungsortes, dessen abgerissene, verödete Landschaften in knappen und kontrollierten Beschreibungen vor dem Auge des Lesers entstehen. Damit zeigt Franklins Roman Anklänge an das Genre des Southern Gothic. Larrys Haus voller Horrorromane, die heruntergekommene Bar, in der Silas Jones nach getaner Arbeit Zuflucht findet, die penibel gepflegte Werkstatt ohne Kunden – diese Orte und Figuren sind so originell wie authentisch.

Der Autor

Tom Franklin wurde 1962 in Dickinson, Alabama geboren. 1999 veröffentlichte er eine Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel Poaches. Seine Romane Hell at the Breech (Die Gefürchteten, Heyne TB 2008, deutsch von Wolfgang Müller), Smonk (Smonk: Die Stadt der Witwen, Pulp Masters 2015, deutsch von Frank Nowatzki) und Crooked Letter, Crooked Letter (2010) stießen auf bei den Kritikern auf Begeisterung und gewannen diverse Auszeichnungen. 2013 erschien sein aktueller Roman The Tilted World, den er zusammen mit seiner Frau Beth Ann Fennelly verfasste. Franklin arbeitete zurzeit als Associate Professor of Fiction Writing an der Universität von Mississippi. Er lebt mit Frau und Kindern in Oxford, Mississippi.

© Krimiscout 2015

Buchinfo

Titel: Crooked Letter, Crooked Letter
Format: Taschenbuch
Verlag und Erscheinungsjahr: Morrow/Harper Collins, 2010, Reprint 2011
Seitenzahl: 304

Weiterführende Informationen

Tom Franklins Homepage

Interview mit Tom Franklin auf Amazon

 Bildnachweis

Beitragsbild: (c) forcdan / Fotolia