Für die allseits beliebte Reihe »Fahnderprofile« hat der Krimiscout diesmal Alf Mayer ins Verhörzimmer gebeten, der unter anderem zusammen mit Thomas Wörtche und Anne Kuhlmayer das CrimeMag betreut.

  1. Steckbrief Alf Mayer

AM: Journalist, Krimi-Kritiker, Jahrgang 1952, buntes Berufsleben. Erste Krimikritiken in den frühen 1980ern im »Pflasterstrand«, seit 1984 Krimi-Kolumne »Blutige Ernte« im Frankfurter »strandgut«. Redigiert und organisiert zusammen mit Thomas Wörtche und Anne Kuhlmeyer das einzige ernsthafte deutsche Krimi-Magazin: »CrimeMag«. Hat mit Frank Göhre alle Ed McBain-Romane von 87. Polizeirevier wiedergelesen und daraus das Buch »Cops in the City« gemacht, hat Wallace Stroby an einen deutschen Verlag vermittelt und mittlerweile den dritten Crissa-Stone-Roman übersetzt. Bisher »Kalter Schuss ins Herz« und »Geld ist nicht genug«. Liest lieber Englisch als Deutsch.

  1. Wann kamen Sie das erste Mal mit Kriminal- bzw. Spannungsliteratur in Berührung?

AMAls Ministrant im bayerischen Allgäu jeden Sonntag in der Kirche, wenn der Pfarrer aus dem Leben der Heiligen predigte, mit Vorliebe von Märtyrern. »Das Lexikon der Heiligen« bietet eine beeindruckende Sammlung gewaltsamer Todesarten. Die Geschmacksbildung in Sachen Kriminal- und Spannungsliteratur geschah zwischen Karl May und Dostojewskij, den Heldensagen des klassischen Altertums und Simenon, Edgar Allan Poe und Edgar Wallace, dem BND-Agenten »Mr. Dynamit« und Joseph Conrad.

Es war ja ein Goldenes Zeitalter, heutige Klassiker live: Jedes Jahr ein neuer Ross Thomas, Eric Ambler, Joseph Wambaugh, Elmore Leonard, Nicholas Freeling. Dazu Peter O’Donnells Modesty Blaise, Adam Halls Agent Quiller – für mich die beste Agentenserie aller Zeiten-, die Thriller von A. J. Quinell, Alan Williams, James Munro. Der Räuber Parker von Richard Stark/ Donald Westlake, die Bücher von Robert Campbell, Charles McCarry, Alan Furst, Robert Littell, Gerald Seymour, John le Carré, dann der wichtige Derek Raymond, der elegante W.T. Tyler, der fulminante Richard Condon, und immer wieder Ross Thomas. Ein New York-Aufenthalt brachte mich ca. 1984 mit der Lektorin Ruth Calvin (St. Martin’s) und mit Otto Penzler zusammen. Das war der Kick.

  1. Warum Krimis? Was ist Ihrer Meinung nach so faszinierend an diesem Genre?

AM: Weil der Bauchnabel hier nicht (unbedingt) die Mitte der Welt ist. Kein anderes Genre reibt sich so sehr an gesellschaftlichen Wirklichkeiten, ist so sehr Portal zur Welt. Für mich ist es moralische Literatur im Sinne Musils: »Ich glaube, dass alle Vorschriften unserer Moral Zugeständnisse an eine Gesellschaft von Wilden sind.«

  1. Wie würden Sie den deutschen Krimimarkt charakterisieren? Bestehen Unterschiede zum englischen Krimimarkt (UK und USA)? Welche?

AM: Weithin brav, feige, hausfrauentauglich, lieber auf Nummer sicher und auf jede Modewelle – bis auf die Herzblut-Unternehmen, die leider zu oft echtes Blut lassen. Unterschiede zu UK und USA? Die nordische Welle hatten wir früher.

Ich halte es mit Chandler: »Es gibt keine Genres, nur gutes oder schlechtes Schreiben«

  1. Welcher Autor/Autorin hat Sie in letzter Zeit besonders beeindruckt? Warum?

AM: Der Australier David Whish-Wilson, dessen erstes Buch seiner Trilogie gerade bei uns erschienen ist (»Die Ratten von Perth«). Er nimmt einen authentischen Kriminalfall von 1975 zum archimedischen Punkt, um von unserem Stand der Zivilisation zu erzählen. Das ist elegant, kühl und scharf, mit innerem Feuer. Hat das Niveau der großen Klassiker, kann man auch in 20 Jahren wiederlesen. Seine nebenher erschienene Stadtbiografie »Perth« (2010) ist geradezu mustergültig. Toller Autor. Und ich freue mich, dass Harry Binghams klasse Heldin »Fiona« nun endlich den richtigen Auftritt bei uns hat. Das ist eine Super-Serie (Krimiscout freut sich mit – tierisch).

  1. Welchen bisher unentdeckten englischsprachigen Krimiautor/in würden Sie dem deutschen Publikum unbedingt empfehlen?

AMPeter Bowen und seine dreizehn Montana Mysteries mit dem Viehinspektor und Kneipenfiedler Gabriel Du Pré, einem Metis-Indianer. Tolle, reduzierte Sprache. Sehr eigen. Auf dem Lagerfeuer gesimmert, staubtrocken.

  1. Gibt es so etwas wie Modeerscheinungen im Krimigenre? Wenn ja, welche Mode herrscht gerade?

AM: Klar gibt es Mode. Gerade werden die Urlaubsziele Europas mit meist unbedeutendem Krimikram abgegrast. Ich würde mir ja eine Räuberinnen-Mode wünschen, Crissa Stone ist ziemlich alleine.

  1. Vor dem Hintergrund des aktuellen Weltgeschehens, glauben Sie, dass der Politkrimi in nächster Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnen wird?.

AMAber hallo! Fragt sich nur, wer es mit Trump und Fake News aufzunehmen vermag. Ich wünsche mir Richard Condon zurück. (Sein »Manchurian Candidate« stammt von 1959, »Emperor of America« von 1990). Und Ross Thomas, dringend! Bin aktuell auf John le Carrés Wiederbegegnung mit George Smiley gespannt, »A Legacy of Spies« (7. September, UK).

  1. Gibt es für Sie Handlungsorte, Motive, Konstellationen oder Handlungsstrukturen, die Sie besonders reizen? Warum?

AM:Bei allem Deutschen bin ich empfindlich und schlafen mir schnell die Füße ein – weil ich von anderswo her in wirklich jeder Hinsicht Tolles gewohnt bin. (Krimiscout lächelt zustimmend).

  1. Krimis haben in der Literaturszene immer noch ein wenig das Image des Schmuddelkindes, will sagen, sie gelten als trivial. Wie, glauben Sie, könnte man dem Krimi als Genre zu mehr Souveränität verhelfen?

AM: Mit unserem Monatsmagazin »CrimeMag« versuchen wir genau das. Das Genre ist souverän und vital genug, sollen Schnösel und Ignoranten es ruhig noch die nächsten 200 Jahre für trivial halten. Triviales gibt es überall. Ich halte es mit Chandler: »Es gibt keine Genres, nur gutes oder schlechtes Schreiben.«

Krimiscout bedankt sich bei Alf Mayer für das Interview und wünscht ihm weiterhin viel Erfolg.


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