In unserer Reihe »Fahnderprofile« nahmen wir Susanna Mende ins Kreuzverhör – und sie legte ein umfassendes Geständnis ab.

  1. Steckbrief Susanna Mende

SM: Mein Name ist Susanna Mende, ich komme aus einem kleinen Ort in Südwestdeutschland, den ich gleich nach dem Abitur Richtung Spanien verlassen habe. Danach habe ich nur noch in großen Städten gelebt (Studium in Hamburg und Madrid, seit 2004 wohnhaft in Berlin). Ich habe Spanische Literatur, Germanistik und Kunstgeschichte studiert und bin seit 1998 freiberufliche Literaturübersetzerin. Die ersten zehn Jahre habe ich aus dem Spanischen übersetzt, u.a. für die Spannungsreihe „metro“ im Unionsverlag, danach auch aus dem Englischen. Außerdem habe ich mehrere Jahre Übersetzen an der Universität Potsdam gelehrt. Ich mag Fotografie und sammle Fotos, vor allem von Magnum-Fotografen. Zu meinen Lieblingen gehören William Klein, Sergio Larrain, Saul Leiter, Joel Meyerowitz, William Eggleston, Graciela Iturbide. Außerdem sammle ich Bücher lateinamerikanischer Fotografen, die in Deutschland leider viel zu unbekannt ist. Meine Lieblingsstadt ist New York. Und weil ich in Berlin lebe, auch mein Sehnsuchtsort.

  1. Wann kamen Sie das erste Mal mit Kriminal- bzw. Spannungsliteratur in Berührung?

SM: Über einen Umweg, nämlich über »Der leere Spiegel« von Janwillem van de Wetering. Es ist der Bericht über Weterings Zeit in einem zenbuddhistischen Kloster in Japan in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Darüber bin ich auf Weterings Krimis gestoßen, die ich damals sehr gemocht habe.

  1. Warum Krimis? Was ist Ihrer Meinung nach so faszinierend an diesem Genre?

SM:  Der Wirklichkeitsbezug und das ästhetisch Erfrischende und Innovative, das, wie man in den letzten zehn, fünfzehn Jahren mit der »Globalisierung« des Genres gesehen hat, noch nicht ausgeschöpft ist.

  1. Wie würden Sie den deutschen Krimimarkt charakterisieren? Bestehen Unterschiede zum englischen Krimimarkt (UK und USA)? Welche?

SM: Schwer, das in zwei, drei Sätze zu fassen. In Deutschland lange Zeit dröge und – bis auf ein paar Namen (u.a. Frank Göhre) – nicht relevant, aber inzwischen wahrscheinlich vielfältiger und sichtbarer, mit Leuten wie Jakob Arjouni, Fritz Ani, Merle Kröger und Max Annas.

Worin die USA und UK unschlagbar sind: Spionagethriller, überhaupt Thriller auf internationalem Parkett. Mein persönlicher Liebling ist übrigens Robert Littell.

  1. Welcher Autor/Autorin ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen? Warum?

SM: Don Winslow, obwohl seine Pacific-Reihe schon ein paar Jahre alt ist. Dann natürlich sein Epos „Tage der Toten“ über den mexikanischen Drogenkrieg. Winslow hat einen ganz eigenen Sound kreiert, man könnte ihn den „Grunge“ des Kriminalromans nennen.

Immer wieder die Isaac-Sidel-Reihe von Jerome Charyn, und auch alles andere von ihm. Er ist vielleicht der Surrealistischste aller Krimiautoren, jedenfalls ganz einzigartig und mein Favorit für den Literaturnobelpreis.

Dann noch die alten, neu aufgelegten Thriller von Ross Thomas, die Krimis des Südafrikaners Mike Nicols und die Spionagethriller von David Ignatius

  1. Welchen bisher unentdeckten englischsprachigen Krimiautor/in würden Sie dem deutschen Publikum unbedingt empfehlen?

SM: Ich habe gerade eine sehr talentierte amerikanische Autorin an einen deutschen Verlag empfohlen, deshalb bleibt das vorerst geheim

  1. Gibt es so etwas wie Modeerscheinungen im Krimigenre? Wenn ja, welche Mode herrscht gerade?

SM: Mmh, abgesehen davon, dass gute und erfolgreiche Stoffe stets kopiert werden, könnte ich das nicht konkret benennen. Allerdings gibt es Verlage, die glauben, Krimi kann man nach Formel beauftragen, um hohe Verkaufszahlen zu erzielen. Das ist fantasielos und ärgerlich.

  1. Vor dem Hintergrund des aktuellen Weltgeschehens, glauben Sie, dass der Politkrimi in nächster Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnen wird?

SM: Literatur kann meines Erachtens die Welt nicht verändern, sondern höchstens das Bewusstsein der Leser schärfen.

  1. Gibt es für Sie Handlungsorte, Motive, Konstellationen oder Handlungsstrukturen, die Sie besonders reizen? Warum?

SM: Nach wie vor Spionagethriller, und wie man sieht, sind sie trotz des Endes des Kalten Krieges nicht ausgestorben

  1. Krimis haben in der Literaturszene immer noch ein wenig das Image des Schmuddelkindes, will sagen, sie gelten als trivial. Wie, glauben Sie, könnte man dem Krimi als Genre zu mehr Souveränität verhelfen?

SM: Ach, da tut sich schon Einiges (siehe die „Krimibestenliste“). Wer’s noch immer nicht kapiert hat, dass die Trennung zwischen U und E keinen Sinn ergibt, mit dem will ich mich gar nicht unterhalten.

Krimiscout bedankt sich herzlich bei Susanna Mende und wünscht weiterhin viel Erfolg!


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Beitragsbild (c) David Kregenow