Die Autorin Denise Mina wurde 1966 im schottischen Glasgow geboren. Bereits ihr erster Roman Garnethill (dt. Schrei lauter, Maureen, ÜS: Doris Styron) gewann mehrere Auszeichnungen. Im Gespräch mit Krimiscout gewährt die Autorin nicht nur Einblicke in ihr Allerheiligstes.

Denise Mina im Interview mit Krimiscout

KS: Ist ein Buch erst einmal erschienen, hat der Autor keine Kontrolle mehr darüber. Wie stehen Sie zu dieser These?

DM: Dem stimme ich voll zu. Ein Buch funktioniert nur als Gemeinschaftsleistung von Autor und Leser, und die geschieht dann, wenn der Leser das Buch in Händen hält. Insofern hat der Autor keine Kontrolle mehr über sein Buch, wenn es einmal erschienen ist.

KS:  Würden Sie sagen, Sie gewinnen mit jedem Buch mehr Selbstvertrauen?

DM: Ehrlich gesagt, nein. Ich glaube, das geht den meisten Schriftstellern so. Je länger man schreibt, desto genauer weiß man, wie leicht alles schief laufen kann, wie anmaßend, ja arrogant es eigentlich ist, ein Buch zu schreiben, und wie viele große Schriftsteller es auf der Welt gibt.

„Je länger man schreibt, desto genauer weiß man, wie arrogant es eigentlich ist, ein Buch zu schreiben.“

Lediglich die Panik, die sich immer dann einstellte, wenn ich ungefähr zwei Drittel meines Buches geschrieben hatte, ist im Lauf der Jahre etwas abgeklungen. Außerdem bin ich mir meiner Schreibmuster erheblich stärker bewusst. Wenn ich ein Buch fertiggestellt habe, hänge ich richtig durch und habe das Gefühl, ich könnte nie wieder was schreiben – und das Gefühl ist mit den Jahren leider nicht verschwunden.

KS: Wie gefällt Ihnen das Schreiben als Vollzeitbeschäftigung? Geht es Ihnen manchmal auf die Nerven?

DM: Nein, es macht mir einen Heidenspaß. Der ganze Verwaltungskram nervt mich allerdings, denn er hält mich vom Schreiben ab.

KS: Wo schreiben Sie?

DM: In einem großen Zimmer mit einem Kamin, ganz vielen Büchern und einem wunderbaren, großen Schreibtisch voller Briefe, die ich noch beantworten muss.

Ein Interview mit Denise Mina

Ein Blick in Denise Minas Allerheiligstes

KS: Gibt es einen Mythos über Schriftsteller, den Sie gern entlarven würden?

DM: Dass man unglaublich talentiert und ein ganz besonderer Mensch sein muss, um Schriftsteller zu werden. Es reicht völlig, ein bisschen Talent zu haben, aber man muss sehr hart an seinem Erfolg arbeiten. Und Glück gehört auch dazu.

KS: Ihre Hauptfigur Alex Morrow ist ziemlich ungewöhnlich, weil sie so normal ist. Sie hat keine seelischen Probleme – abgesehen von ihrem Umgang mit Aggressionen und ihrer schwierigen Beziehung zu ihrem kriminellen Bruder. Morrow ist glückliche Mutter von Zwillingen, die nicht immer geschniegelt und gebügelt zur Arbeit erscheint. Warum haben Sie sich entschieden, Morrow zu einer so „normalen“ Ermittlerfigur zu machen?

DM: Ich wollte Morrow zu einer ruhigen, unaufdringlichen Präsenz in meinen Geschichten machen, eine gleichmütige Figur, die nie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen sollte. Morrow ist einfach klasse. Sie kann so wunderbar unhöflich sein.

„Morrow ist einfach klasse. Sie kann so wunderbar unhöflich sein.“

KS: In Ihren Romanen geht es nie nur um das Finden des Täters oder um Details polizeilicher Ermittlungsarbeit. Was steht im Zentrum Ihrer Romane und warum schreiben Sie Krimis, um diese Themen zu verhandeln?

Ein Interview mit Denise MinaDM: Meine Romane handeln überwiegend von den Systemen, die zu Verbrechen führen. In den meisten Krimis geht es um eine Person, die eine Grenze überschreitet und von der Polizei aus dem Verkehr gezogen oder erschossen werden muss. Ich zeige auf, wie Systeme dazu führen, dass Grenzen überschritten werden.

KS: Ihre Verbrecher sind oft gar nicht so verachtenswert, und die Leser empfinden bisweilen sogar Mitleid mit ihnen. Warum erschaffen Sie sympathische Verbrecher?

DM: (lacht) Weil es interessanter ist! Ich glaube, Leser, die von Verbrechen lesen oder hören, wollen wissen, wie es dazu kommen konnte, wie ein Mensch in eine Situation gerät, die ihn dazu treibt, ein Verbrechen zu begehen.

KS: Was kommt als Nächstes?

DM: Ich haben gerade einen Roman fertig, der von einem wahren Verbrechen handelt.  Er trägt den Titel The Long Drop und handelt von einem Serienmörder, der in den 1950igern in Glasgow sein Unwesen trieb.

Krimiscout bedankt sich für die interessanten Antworten und wünscht Denise Mina viel Erfolg!

© dt. Übersetzung: Andrea O’Brien, Krimiscout 2016

Bildnachweis

Beitragsbild © Denise Mina, aufgenommen von Marlon James 2014 (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Fotografen)

Bild 1 © Denise Mina (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin)


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