Wer empfehlenswerte Spannungsromane sucht, muss viel lesen. Und manchmal bis zur Schmerzgrenze gehen. Drei Titel haben sie nun eindeutig überschritten: »What She Never Told Me« von Kate McQuaile, »The Sound of Rain« von Gregg Olsen und »Those We Left Behind« von Stuart Neville. Krimiscout rechnet ab.

Ins Koma gequasselt

Kate McQuaile ist hierzulande eher unbekannt, was mich nach der Lektüre ihres Debüts »What She Never Told Me« (Quercus, 2016) nicht weiter erstaunt. Dabei hätte das Buch durchaus funktionieren können – wenn sich die Autorin aufs Wesentliche konzentriert hätte. Was mal wieder beweist, wie wichtig gute LektorInnen sind.

Louise Redmond wächst in Irland auf, verlässt das Land aber noch als Jugendliche. Erst zwanzig Jahre später kehrt sie zurück. Am Bett ihrer todkranken Mutter Majorie versucht sie, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen. Wer war ihr Vater? Warum hat Majorie seinen Namen nie preisgegeben? Wo ist er jetzt? Doch Louises Fragen bleiben unbeantwortet. Ihre Mutter nimmt ihr Wissen mit in den Tod. Beim Ordnen des Nachlasses stößt Louise jedoch endlich auf eine Spur. Ein Mann namens David Prescott hatte offenbar eine Affäre mit Majorie. Ist er ihr Vater? Und wer ist das kleine Mädchen, von dem sie immer wieder träumt? Je tiefer Louise gräbt, desto deutlicher erkennt sie, dass ihre Mutter sie belogen hat.

Eine recht spannende Ausgangskonstellation. Doch das war der Autorin offenbar nicht genug, denn sie verwebt ihre Haupthandlung mit einer reichlichen Fülle an Nebensträngen und bevölkert den Roman mit allerlei Figuren, denen sie hingebungsvolle Aufmerksamkeit widmet. Da wären Louises Onkel Richard, mit dem sie ein zerrüttetes Verhältnis hat, das sich nach dem Tod der Mutter wieder festigt, eine Halbschwester, zu der sie eine enge Beziehung hat, genau wie zu deren ausgedehnter Familie, ihre beste Freundin, mit der sie diverse Jugendabenteuer verbindet, ihr untreuer Ehemann Sandy, eine Jugendliebe und und und. Dabei verliert McQuaile nur leider den Faden ihrer Haupthandlung – und quasselt den Leser zu Tode.

Seine Leser auf die Folter zu spannen, ist ja durchaus legitim, aber man sollte es nicht übertreiben. Irgendwann muss Butter bei die Fische.

Es kann durchaus zum Lesegenuss beitragen, wenn ein Autor zusätzlich zu seiner Haupthandlung noch einige Nebenhandlungen einführt – solange diese Subplots nicht zu viel Raum einnehmen und so die Erzähldynamik ausbremsen oder gar der Spannung den Garaus machen. Leider ist dies hier passiert. Die dringenden Fragen der Protagonistin, die die Geschichte vorantreiben sollten, kann der aufmerksame Leser schon ziemlich bald beantworten. Die Details interessieren zwar nicht so richtig, sind aber trotzdem der Grund, warum man überhaupt weiterliest, wenn auch mit zunehmender Ungeduld. Seine Leser auf die Folter zu spannen, ist ja durchaus legitim, aber man sollte es nicht übertreiben. Irgendwann muss Butter bei die Fische. Geschieht dies nicht, bleiben die Leser ermattet und schließlich frustriert zurück.

Fazit: Wer auf Familiengeschichten mit wenig überraschendem Ausgang steht, wird dieses Buch mögen. Spannungsfans sollten es besser meiden.

Mieses Ende killt Roman

Obwohl Gregg Olsen hierzulande als trashiger US-Autor bekannt ist, wollte ich seinem neuesten Roman mit dem eher untrashigen Titel  »The Sound of Rain« (Thomas & Mercer, 2016) gern eine Chance geben. Und darum geht es:

Die dreijährige Kelsey Chase ist verschwunden. Homicide Detective Nicole Forster und ihr Partner Danny Ford ermitteln auf Hochtouren. Schon bald hat sich Danny auf einen Täter eingeschossen, ein Mann, der wegen Verführung einer Minderjährigen gesessen hat. Dass dieser Mann damals selbst noch ein Jugendlicher war und mittlerweile mit dem verführten Mädchen verheiratet ist, stört Danny dabei wenig. Für ihn steht er als Täter fest. Als man dann auch noch Kelseys Schuh unter der Veranda des Verdächtigen findet, ist die Sache klar. Kurze Zeit später begeht der Mann im Gefängnis Selbstmord.

Doch Nicole Forster ist überzeugt, dass ihr dominanter, narzisstischer Partner Danny – mit dem sie auch eine dysfunktionale Beziehung führt – die Ermittlungen manipuliert hat. Als sie sich deswegen an ihren Vorgesetzten wendet, ist ihre Karriere beendet. Dem Glücksspiel verfallen, landet Nicole schließlich als Obdachlose auf der Straße. Ihren Job, ihr Haus, ihr Auto, ja sogar ihren Hund hat sie verloren. Als der trauernde Vater der kleinen Kelsey sie bittet, ihm bei der Suche nach dem wahren Täter zu helfen, zögert Nicole nicht lange. Doch je tiefer sie gräbt, desto komplexer gestaltet sich der Fall.

Klingt spannend? Ist es auch – aber eben nicht bis zum Schluss. Nicole Forster ist eine komplexe Person. Sie kommt aus schwierigen Verhältnissen, hat Probleme mit dem Selbstbewusstsein, eine Suchtpersönlichkeit und eine egoistische Schwester, mit der sie eine Hassliebe verbindet. Ihr gnadenloser Absturz weckt Mitgefühl und hilft dem Leser, sich mit ihr zu identifizieren. Gern folgt man dieser vom Schicksal gebeutelten jungen Frau aus dem stinkenden Hostel ins warme Haus des trauernden Vaters, und wünscht ihr, sie möge den wahren Mörder der kleinen Kelsey finden.

Die behandelten Themen sind vielschichtig: Spielsucht, manipulierende Polizisten, Kinderpornografie, Mord. Als besonders befriedigend erlebt man die Wandlung der leicht verhuschten, unsicheren Nicole, die dem Leser im ersten Drittel des Romans mit ihrer grenzenlosen Naivität und ihrem mangelnden Kampfgeist ziemlich auf die Nerven ging. Endlich entwickelt die Frau so was wie Biss. Ein bisschen Romantik dazu, auch okay. Aber dann? Keine Ahnung, was da mit dem Autor durchgegangen ist.

Die Mutter der Vermissten ist eine selbstsüchtige Zicke, daran gibt es keinerlei Zweifel, alle Zeichen deuten darauf hin, die Figur ist eindeutig so angelegt. Warum sollten wir also  kurz vor Schluss glauben, es sei alles ganz anders gewesen? Nur, weil Nicole uns das so erzählt? Jene Nicole, die ihr mangelndes Urteilsvermögen hinreichend unter Beweis gestellt hat? Ja, sollen wir. Denn dem Autor passt es so in den Kram. Geht leider gar nicht. Für eine falsche Fährte hätte er sich ein bisschen mehr Mühe geben müssen.

Gregg Olsen missachtet eine der wichtigsten Autorenregeln: Verarsche deine Leser nicht!

Ebenso klar ist – und zwar von Anfang an – dass sowohl Danny als auch Nicoles Schwester nicht richtig ticken. Und trotzdem soll es uns offenbar richtig überraschen, dass sich die beiden sich am Ende tatsächlich als total gestört herausstellen. Umpf!

Aber Schluss mit den Petitessen. Es gibt einen viel triftigeren Grund, weswegen mich dieses Buch richtig sauer macht: Gregg Olsen ist zwar kein schlechter Autor, er schafft es durchaus, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Doch er missachtet eine der wichtigsten Autorenregeln: Verarsche deine Leser nicht!  Man ist so richtig drin in der Handlung, fiebert und leidet mit – und bekommt dann ein dermaßen abstruses, unausgegorenes Ende vor den Latz geknallt, dass es einem so richtig die Laune verdirbt. Hingerotzt und an den Haaren herbeigezogen!

Fazit: Masochisten sei dieses Buch ans Herz gelegt. Für alle anderen gilt: Finger weg!

Mit Einheitsbrei zu Tode gelangweilt

Der Name Stuart Neville ist eigentlich ein Garant für intelligente Spannung – zumindest, wenn es um seine männlichen Helden Gerry Fegan oder Jack Lennon geht. Umso enttäuschender ist es, dass ihm die weibliche Hauptfigur im ersten Band der Serie um DCI Serena Flanagan mit dem Titel  »Those We Left Behind« (Vintage, 2016) dermaßen flach geraten ist, dass ich sie ständig mit der einzigen weiblichen Nebenfigur verwechselte. Aber zunächst kurz zum Inhalt.

Vor mehreren Jahren wurde der zwölfjährige Ciaran Devine wegen des brutalen Mordes an seinem Pflegevater zu einer langen Haftstrafe verurteilt.  DCI Serena Flanagan, die damals im Fall ermittelte,  entlockte dem Jungen zwar ein Geständnis, hatte aber die ganze Zeit über seinen großen Bruder Thomas in Verdacht, der eigentliche Drahtzieher hinter dem Mord gewesen zu sein. Mittlerweile ist Thomas, der nur wegen Beihilfe zum Mord einsaß, schon länger auf freiem Fuß – und kann die Entlassung seines kleinen Bruders kaum erwarten.

Als Ciarans Bewährungshelferin Paula Cunningham sich kurze Zeit später hilfesuchend an Serena wendet, nimmt sich die Polizistin erneut der beiden Brüder an. Doch schon bald wird der leibliche Sohn des damaligen Mordopfers erstochen aufgefunden. Ein tödliche Gewaltspirale setzt sich in Gang.

Dieser Roman wartet so ziemlich mit jedem Klischee auf, das die Mottenkiste des Genres hergibt.

Dieser Roman wartet so ziemlich mit jedem Klischee auf, das die Mottenkiste des Genres hergibt. Wer nach der Hälfte noch immer nicht ahnt, was am Ende passiert, wird an diesem Buch vielleicht seine Freude haben. Deshalb werde ich das Ende auch nicht verraten. Nur so viel: Mich hat es nicht vom Hocker gerissen.

Fazit: Wer gerne spannende Krimis liest, sollte dieses überraschungslose Buch im Regal stehen lassen.