…wie sind Sie eigentlich zum Übersetzen gekommen?

Bücher waren mir schon immer Leib- und Magenspeise, seit ich denken kann. Und nachdem die Schule es fast geschafft hatte, mir allen Spaß am Lernen auszutreiben, blieb nach dem Abitur nur ein Studium in den Fächern übrig, die mir noch am Herzen lagen.

Während des Studiums in Münster (Englisch, Neuere Geschichte, Publizistik, Magister über Kurt Vonnegut, Zeilenschinder bei der Westfälischen Rundschau, Dortmund) fand ich die Idee, auch im Ausland zu studieren, sehr reizvoll; bei den Bemühungen um ein Stipendium (als Bergarbeitersohn schüttelt man so etwas ja nicht aus der Tasche) stieß ich dann auf den Erstlingsroman eines amerikanischen Professors, den ich so aufregend fand, dass ich dachte: Warum gibt es den nicht auf Deutsch? Ich nahm Kontakt zu dem Professor auf, fragte ihn, ob das in Ordnung sei, mich um einen Verlag zu bemühen. Du wirst keinen finden, so Raymond Federmans Antwort, das Buch ist viel zu schräg, das druckt doch keiner. Bei der Originalausgabe handelte es sich tatsächlich um ein abfotografiertes Schreibmaschinenmanuskript.

Ich habe per Zufall den Beruf gefunden, der mich erfüllt.

Mit einer kurzen Probe machte ich mich auf die Suche nach einem Verlag. Hans Magnus Enzenberger hatte gerade begonnen, die Andere Bibliothek bei Franz Greno herauszugeben, und diese Buchreihe fand ich so spannend und ist auch unter Enzensbergers Nachfolgern so gut gemacht, dass ich den beiden also Raymond Federmans »Double or Nothing« anbot. Kurzum: Das Buch ist in den frühen Jahren der Anderen Bibliothek tatsächlich auf Deutsch erschienen. Eine Visitenkarte erster Güte, was ich aber da noch nicht wusste. Übersetzen wollte ich eigentlich nur das eine Buch. Von da ab ergab sich eins zum anderen: Ich bekam mein Stipendium in die USA, lernte dort Michael Ondaatje kennen, trug dem Hanser Verlag nach meiner Rückkehr diesen Namen vor, der dort schon bekannt war, und übersetzte Ondaatjes erste zwei Bücher ins Deutsche. Der Rest ist Geschichte: Ich bin durchaus stolz darauf, bislang zwölf Dutzend Romane übersetzt zu haben, dazu Artikel, Kurzgeschichten, Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher. Und die Liebe zur Sprache und zum Buch ist unverändert groß geblieben. Ich habe per Zufall den Beruf gefunden, der mich erfüllt. In der Zwischenzeit darf ich immer mal wieder Studenten an der Uni München damit »beglücken«, über das praktische Übersetzen von Literatur zu sprechen. Hoch spannend! Sie kennen ja das Aufbaustudium dort aus eigener Anschauung! Nächstes Jahr wieder mit einem modernen Klassiker in Neuübersetzung! Weitersagen!

Und wie speziell zu Krimis?

Dazu muss gesagt werden, dass es diese überbordende Vielfalt an Krimis zu meinen Anfangszeiten (ja, doch, so lange ist das schon her …) noch nicht gab; Spannungsliteratur bei Suhrkamp? Wo denken Sie hin! Krimis tauchten bei mir einfach zwischen all den anderen Büchern auf. Meine erste Krimiübersetzung war James M. Caines »Mildred Pierce«, ein Klassiker, dann kam schon Richard Price »Clockers«, der tatsächlich vor ein paar Jahren von mir durchgesehen neu erschien. Noch immer machen die Krimis nicht die Mehrheit der von mir übersetzten Titel aus, auch wenn deren Zahl zunimmt. Wie ja überhaupt unfassbar viele Krimis erscheinen!

Was – würden Sie sagen – sind die besonderen Herausforderungen bei der Übersetzung von  Krimis?

Klare Antwort: Genau dieselben wie bei allen anderen Titeln auch. Ich übersetze einen Krimi nicht mit anderem Maßstab als ein erzählendes Sachbuch oder einen ‚Coming-of-Age‘-Roman. Es gibt da für mich keine Schablone: „Ach, Krimi, da nehm ich mal das Schnittmuster ‚Trenchcoat’ aus der Schublade“. Ich suche innerhalb der Bandbreite von „So nah am Original wie möglich“ und „So Deutsch wie möglich“ nach der passenden Form für dieses eine Buch. Ich weiß, es gibt gewisse Formeln, wie bestimmte Titel übersetzt werden sollen, manche Verlage machen das ja dezidiert, aber ich halte das im Allgemeinen für keine gute Idee.

Das eine Buch verlangt genau so viel Aufmerksamkeit wie das andere. Und jedes ist neu. Schreibt Cynan Jones Krimis? Hat China Miéville etwas von tiefster »suspense«? Und wie nennt man das, was David Peace schreibt?

Normware gibt es schon mehr als genug. Und nicht jedes Buch eignet sich dazu, in eine vorbestimmte Form gepresst zu werden. Nicht jede Geschichte um ein Verbrechen ist schon gleich ein Krimi. Ich interessiere mich mehr für das Besondere an dem jeweiligen Buch, als für die Frage, wo ich es einzuordnen habe. Das eine Buch verlangt genau so viel Aufmerksamkeit wie das andere. Und jedes ist neu. Schreibt Cynan Jones Krimis? Hat China Miéville etwas von tiefster »suspense«? Und wie nennt man das, was David Peace schreibt?

Welcher Titel aus Ihren Oeuvre hat Ihnen besonders viel Freude bereitet? Und warum?

Oh, natürlich mein Erstling, Raymond Federmans »Alles oder Nichts«, den müssen Sie sich unbedingt anschauen, dann verstehen Sie, warum: Schön schräg, inhaltlich ergreifend tief. Und der Zweitling, Federmans »Eine Liebesgeschichte oder so was«.

Die Klassiker, die ich übersetzen durfte, bilden ebenfalls eine ganz eigene Herausforderung: Oscar Wildes Theaterstücke, Mark Twains »Tom Sawyer«, Kiplings »Dschungelbücher«, Goldings »Herr der Fliegen« … wenn ich jetzt so weiter mache, kommen doch ganz schön viele Lieblingsbücher dabei heraus! Ach, und Elliot Weinberger: Das ist Essayistik und Klarsicht, wie ich sie selten erlebe! Ich habe auch Lieblingsautoren, mit denen ich immer wieder gern zusammenarbeite, das ergibt einige schöne Serien im Laufe der Zeit. Ähnliches gilt auch für Lieblingsverlage, Lektoren und Lektorinnen.

Gibt es Titel und/oder Autoren aus dem Bereich Spannung, die Ihrer Meinung nach unbedingt noch für den deutschen Markt übersetzt werden sollten?

Sie werden lachen: Ich lese so sprunghaft mal dieses, mal jenes, und achte nicht darauf, ob es sich um Spannungsliteratur handelt oder nicht. Außerdem lese ich weit außerhalb meines Arbeitsfelds. Raus aus der Blase! Aktuelle Lektüre: Anthony Powell, »A Dance to the Music of Time«. Und Roland Reuss, »Vom Netz und zum Buch«, Jürgen Reuß (reiner Namenszufall!), »Kaufen für die Müllhalde«. Und immer: Patrick O’Brian (Lach! Schon wieder ein Namenszufall!) Alles spannend!

Heute zählen Krimis ja so sehr zur Literatur, dass die Unterscheidung eigentlich nur noch zu Werbezwecken interessant ist. Es gibt hochliterarische Krimis, aber da verrate ich ja kein Geheimnis.

Ich finde es gut, dass die Verlage sich bemühen, die »Klassiker« der Spannung neu übersetzen zu lassen; früher gab es ja das klare Schema: Krimi muss schnell und einfach sein und darf nicht mehr als x Seiten haben. Heftchenware, grob vereinfacht gesagt. Heute zählen Krimis ja so sehr zur Literatur, dass die Unterscheidung eigentlich nur noch zu Werbezwecken interessant ist. Es gibt hochliterarische Krimis, aber da verrate ich ja kein Geheimnis. Da fällt mir, obwohl er ja keiner Übersetzung bedarf, sofort Friedrich Ani ein, grandiose Schreibe! Nein, ich habe da keinen Autoren, keinen Titel, den ich jetzt unbedingt hervorheben möchte, nur weil es Spannungsliteratur ist. Wozu haben wir Übersetzer euch Blogger, da finden sich doch tolle Tipps! Mich interessiert vor allem die Verknüpfung der Geschichte ins Umfeld, glaube ich. Da spricht wohl der Historiker und Zeitungskleckser aus mir. Wie Adrian McKinty und David Peace ihre Handlungen in die historischen und örtlichen Umstände einbinden, zum Beispiel, finde ich schon ganz toll. Aber das gilt ja für Tolstoi nicht anders.

Was sollten Leser unbedingt über Übersetzer wissen?

Wenn wir den Lesern allgemein nahebringen können, dass das Buch, das sie gerade lesen, eben nicht von Stephen King (oder welcher andere Beststellerautor auch immer) stammt, sondern aus der Werkstatt des jeweiligen Übersetzers, der Übersetzerin, wäre uns allen schon mal geholfen. Für die meisten Leser langt das, selbst wenn wir ihnen die Illusion nehmen, nicht das Original zu lesen (hallo, Krischan! Und Danke noch mal für den Mosley, war nett!) Sie lesen eben nicht das Original, basta! Ist so. Da müssen wir uns nicht verstecken oder gleich so tun, als wenn es uns überhaupt nicht gäbe.

Wir haben in Deutschland, was vielen Lesenden gar nicht präsent ist, eine über mehrere Jahrhunderte gewachsene (wobei ich die historischen Tiefpunkte dabei nicht beiseite wischen möchte, au contraire), ausgezeichnete Übersetzungskultur, die es in dieser Vielfalt und in dieser Bandbreite womöglich nirgendwo sonst gibt.

Noch wichtiger scheint mir, dass selbst manche Kritiker (und manche Verlagsmenschen – und viel zu viele Blogger!) die Arbeit des Übersetzens gern als nicht so wichtig abtun würden. Geht gar nicht.

Wir haben in Deutschland, was vielen Lesenden gar nicht präsent ist, eine über mehrere Jahrhunderte gewachsene (wobei ich die historischen Tiefpunkte dabei nicht beiseite wischen möchte, au contraire), ausgezeichnete Übersetzungskultur, die es in dieser Vielfalt und in dieser Bandbreite womöglich nirgendwo sonst gibt. Das hat historische Wurzeln, die auszubuddeln uns hier zu weit führen würde, auf denen aber heute ein Baum wächst, von dem sich Lesefreuden vielerlei Art pflücken lassen! Ich glaube, das wird viel zu selten erkannt und benannt (der ehemalige Bundespräsident Gauck ist da rühmliche Ausnahme). Wir sollten als Übersetzende alle viel stolzer sein, auf den Schultern solcher Riesen stehen zu können. Das dürfen wir ruhig vor allen präsentieren, was wir können, immer wieder.

Krimiscout bedankt sich bei Peter Torberg und wünscht ihm weiterhin viel Erfolg.