Ein nackter Jogger läuft durch den täglichen Pendlerstau auf dem Pacific Coast Highway in L.A. Mit diesem großartigen Auftakt beginnt »Wonder Valley« von Ivy Pochoda – eine spannende Geschichte, meisterhaft erzählt.  

Vom Allgemeinen zum Intimen

Wie eine Kamera, die sich von oben an den alltäglichen Pendlerstau auf dem Freeway vor Los Angeles heranzoomt, nähert sich Pochoda ihren Hauptfiguren. Der Morgen in der Stadt beginnt wie jeder andere und doch unterscheidet er sich von anderen Tagen, denn ein nackter junger Mann joggt durch den Verkehr. Diese seltsam disruptive Szene löst bei denjenigen, die dort im Stau gefangen sind, unterschiedliche Gefühle aus. Ein Mann sitzt mit seiner Mutter im Auto auf dem Weg zum Pazifik. Er ist nervös, denn – wie der Leser vermutet – der Wagen, in dem er hier festsitzt, gehört nicht ihm. Ein Anwalt fühlt sich von dem rebellischen Akt des Joggers dazu inspiriert, seinen Wagen einfach stehen zu lassen und es ihm gleichzutun – wenn auch nicht nackt.

All the lonely people, where do they all come from?

The Beatles, »Eleanor Rigby«

Pochoda gelingt hier ein überzeugender Handgriff: Sie zoomt heran bis in die intimsten Räume, bevor sie wieder aufblendet auf die bizarre Szene, die sich um die Pendler herum abspielt. Dabei stellt sie einige ihrer Protagonisten vor,  alle irgendwie auf der Flucht, unterwegs zu unterschiedlichen Zielen. Im Verlauf des Romans legt sie geduldig die Geschichte dieser Menschen frei, um sich an den Grund für ihre Reise heranzutasten.

Vom Gemeinsamen zum Einzelnen

Von diesem Anfangspunkt aus teilt sich der Roman in verschiedene Handlungsstränge auf und springt zwischen den Zeitebenen 2006 und 2010 hin und her. Zunächst erleben wir einen Rückblick ins Jahr 2006: Eine junge Frau, die offensichtlich etwas zu verbergen hat, landet auf ihrer Flucht in einer Art Kommune in der Mojave-Wüste. Dort trifft sie auf die dysfunktionale »Familie« um den vermeintlichen Heiler Patrick und dessen Frau Grace, die sich mit ihren Zwillingen Owen und James hier niederließen und im Laufe der Zeit eine Reihe von »Praktikantinnen« um sich versammelt haben, Aussteigerinnen, die alle auf ihre Art dem charismatischen Patrick verfallen sind, aber sich einreden, in der kargen Wüste ein Leben im Einklang mit der Natur gefunden zu haben.

Wüste, Bild 1 zur Krimiscout-Besprechung von Wonder Valley, Ivy Pochoda

Ganz in der Nähe, im titelgebenden, heruntergekommenen Trailerpark »Wonder Valley«, haben zwei Kriminelle in einem verlassenen Wohnwagen Unterschlupf gefunden.

Zurück ins Jahr 2010: Der bereits erwähnte Anwalt verfolgt den nackten Jogger durch Los Angeles, bis er schließlich von der Polizei festgenommen wird. Der Jogger entkommt. Ganz in der Nähe sucht ein Teenager aus Brooklyn, der nach Jahren im Jugendvollzug endlich frei ist, unter den Obdachlosen der Skid Row nach seiner Mutter.

Jedes dieser Einzelschicksale umgibt zunächst ein Rätsel. Wieso sind diese Menschen auf der Flucht? Doch so unterschiedlich ihre Geschichten auch sind, ihre Wege kreuzen sich – und an diesen Berührungspunkten verweist dieser Roman auf … ja, nennen wir es ruhig so: auf einen kosmischen Zusammenhang.

Verzweiflung und Sehnsucht

In diesem Sinne ist »Wonder Valley« ein Panorama der menschlichen Kondition. Die Protagonisten agieren in wechselnden Zeitebenen und Settings, doch ihnen allen gemeinsam ist die Sehnsucht danach, ihrer Vergangenheit zu entfliehen, sie zu vergessen, sich neu zu erfinden. Dabei ist es egal, ob sie ihr Dasein im irren Elend der Skid Row fristen, in der sengenden Hitze der Wüste oder an den makellosen Stränden Malibus.

Die Protagonisten agieren in wechselnden Zeitebenen und Settings, doch ihnen allen gemeinsam ist ihre Sehnsucht danach, ihrer Vergangenheit zu entfliehen.

Hier haben alle etwas verloren, alle sind auf der Suche. Meisterhaft gelingt es der Autorin, jedes Einzelschicksal so zu schildern, dass der Leser gespannt am Ball bleibt.

Das pralle Leben – hautnah geschildert

Pochodas großes Talent liegt darin, dass sie ihre Settings detailreich schildert und sie so zum Leben erweckt, und ihre Figuren mit großer Präzision zeichnet: das ist mit dem Skalpell seziert und dann der gnadenlosen Sonne Kaliforniens ausgesetzt.

Straße in Los Angeles, Bild 2 zur Krimiscout-Besprechung von Wonder Valley, Ivy Pochoda

Da ist das Leben in den reichen Vororten von Beverlywood, deren Bewohner alles haben, aber täglich an ihrem sozialen Aufstieg arbeiten. Im Gegensatz dazu sind die  Existenzen der Menschen in den verfallenden Verschlägen von Wonder Valley oder in der Wüstenkommune auf der »Howling Tree Ranch« aufs Minimum reduziert, genau wie das Leben der Obdachlosen, die auf der Skid Row ums nackte Überleben kämpfen. Diese Orte sind so scharf wie poetisch skizziert, dass der Leser sie förmlich schmeckt, riecht und spürt.

Das ist mit dem Skalpell seziert und dann der gnadenlosen Sonne Kaliforniens ausgesetzt

Die brutale Genauigkeit dieser Szenen ist der Geduld der Autorin geschuldet. Schon früh wird dem geneigten Leser klar, dass dieser Roman sich strukturell an ähnliche Vorlagen anlehnt: Vermeintlich unverbundene Vignetten überschneidet sich irgendwann, Rätsel werden aufgedeckt, und am Ende fügt sich alles zusammen wie ein großes Puzzle. »Wonder Valley« aber unterscheidet sich durch die unvermittelte Aufdeckung der den Einzelschicksalen zugrunde liegenden Geheimnisse: Schlüsselmomente schleichen sich leise von hinten an und überrumpeln den ahnungslosen Leser mitten im Absatz. Das überraschende Ende ist von subtiler Brillanz.

»Wonder Valley« ist ein Roman der Gegensätzlichkeiten: Einsamkeit der Wüste versus Gewimmel der Großstadt,  palmengesäumte Boulevards des Reichtums versus hässliche Gossen der Armut, Freiheit der Wanderschaft versus Fesseln des Besitzes. Die Liste lässt sich leicht fortsetzen.

Und doch hängt alles irgendwie zusammen – wie im wahren Leben.

(c) Andrea O’Brien, 2017


Cover Ivy Pochoda Wonder Valley»Wonder Valley« ist mittlerweile in der deutschen Übersetzung von Sabine Roth und Rudolf Hermstein bei Ars Vivendi erschienen.