Ivy Pochoda wuchs zwar in Brooklyn, New York, auf, ist aber in Los Angeles zu Hause – was sie überrascht, wie sie selbst sagt. Hier spielt auch ihr mittlerweile dritter Roman »Wonder Valley«. Bevor sie als Schriftstellerin den großen Durchbruch hatte, verdiente Pochoda als Squashprofi ihr Geld. Damals lebte sie sieben Jahre in Amsterdam, wo sie auch ihren ersten Roman verfasste.

KS: Ist ein Buch erst einmal erschienen, hat der Autor keine Kontrolle mehr darüber. Wie stehen Sie zu dieser These?

IP (denkt nach): Hm, ich weiß nicht. Meine Bücher gehören doch immer noch mir. Ich muss meinen Lesern nur zugestehen, sie auf ihre Weise zu verstehen, sie zu mögen oder eben nicht. Darum geht es doch letztendlich: Ich habe etwas geschaffen und gebe es der  Öffentlichkeit preis. Aber ich habe mich in meinen Romanen auf jeder Seite verewigt. Ich weiß noch genau, wann ich was geschrieben habe und was ich in dem Moment dachte. Das macht meine Arbeit zu meinem Eigentum, das mir auch niemand nehmen kann.

KS:  Würden Sie sagen, Sie gewinnen mit jedem Buch mehr Selbstvertrauen?

IP: Ja, klar. Besonders bei der Technik und allen handwerklichen Aspekten des Schreibens. Ich erkenne viel deutlicher, welche Sätze funktionieren und an welchen Stellen ich zu blumig oder abstrakt bin. Es gibt allerdings auch eine Schattenseite: je länger ich schreibe, desto stärker muss ich mich darum bemühen, die Stimmen der Kritiker und Leser in meinem Kopf zu ignorieren. Je größer die Leserschaft, desto mehr Menschen fühlt man sich verpflichtet – und wenn man das zu nah an sich ranlässt, kann einem das den Garaus machen.

Je länger ich schreibe, desto stärker muss ich mich darum bemühen, die Stimmen der Kritiker und Leser in meinem Kopf zu ignorieren.

Irgendwie habe ich immer auf der Hälfte meines Buches eine Schaffenskrise, aber das ist mir mittlerweile auch schon so oft passiert, dass ich weiß, es geht wieder vorbei, und daher breche ich nicht gleich wie am Anfang in Panik aus. Außerdem habe ich schon seit Jahren mitbekommen, was meine Leser mögen und was nicht, daher sind mir die Leute da draußen nicht mehr fremd, und ich kenne ihre Reaktion auf meine Romane.

KSWie gefällt Ihnen das Schreiben als Vollzeitbeschäftigung? Geht es Ihnen manchmal auf die Nerven?

IP: Logisch! Wie könnte es auch anders sein? Allerdings gehöre ich zu den Glücklichen unter uns, die Schreiben als Vollzeitberuf ausüben können, und das hilft mir letztlich immer wieder, meine Ängste und den Frust zu überwinden. Es ist eine große Ehre – die ich mir hart erkämpft habe. Ich könnte mir allerdings auch nichts anderes vorstellen.

KS: Wie sieht Ihr Arbeitszimmer aus?

IP: Mein Arbeitszimmer befindet sich im ersten Stock meines Hauses. Der Schreibtisch steht in der Mitte, an drei Seiten bin ich umgeben von Bücherregalen, aber mein Blick geht zum Fenster. Vor dem Fenster steht eine Schlafcouch mit zu vielen Kissen, auf der es sich meine Hunde bequem machen. Kleiner Rat an meine Kollegen: auf keinen Fall ein Bett ins Büro stellen! Man gerät viel zu leicht in Versuchung, sich hinzulegen.

 

KSGibt es einen Mythos über Schriftsteller, den Sie gern entlarven würden?

Die meisten von uns wollen einfach gute Romane schreiben und hoffen, dass sie die richtigen Leser finden

IP (lacht): Dass wir alle Besteller schreiben! Darum geht es irgendwie STÄNDIG. Und das ist albern, weil das überhaupt nicht meine Motivation ist. Es gibt so viele Romane und Autoren, da ist doch wohl klar, dass wir nicht alle Besteller schreiben können – selbst wenn wir wollten. Die meisten von uns wollen einfach gute Romane schreiben und hoffen, dass sie die richtigen Leser finden.

KS: Wie ist Ihnen die Idee zu Wonder Valley gekommen? Was, würden Sie sagen, sind die wichtigsten Themen des Romans? 

Ich wollte untersuchen, wie Menschen auf die schiefe Bahn gelangen – wie leicht man eine falsche Entscheidung treffen kann, die das Leben komplett aus den Angeln hebt

IP: Ich habe mal ganz in der Nähe der Skid Row gewohnt – ein ganzes Viertel voller Obdachlose. Diese Gegend interessierte mich sehr, sowohl die Verzweiflung als auch die Hoffnung, die ich dort spürte. Daher beschloss ich, am dort ansässigen Lamp Community Arts Program kostenlose Schreibseminare anzubieten. Dabei begegneten mir so viele Künstler und Schriftsteller, die auf der Skid Row zu Hause waren.

Ihre Stimmen haben sich tief in mein Hirn gegraben und fanden so einen Weg in meinen Roman, den ich damals gerade begonnen hatte. Ich wollte untersuchen, wie Menschen auf die schiefe Bahn geraten – wie leicht man eine falsche Entscheidung treffen kann, die das Leben komplett aus den Angeln hebt. Weil nämlich NIEMAND sein Leben auf der Skid Row beginnt. Ich wollte wissen, wie man dort landet. Und dabei die schönen und hoffnungsvollen Seiten entdecken, die es trotz der Verzweiflung in dieser Gemeinschaft sicher auch gibt.

KS: »Wonder Valley« hat eine komplexe Struktur mit verschiedenen Zeitebenen und Handlungssträngen. Wieso haben Sie diese Erzählform gewählt?

IP: Wenn ich anfange, weiß ich erst mal nicht, wohin mich meine Geschichte führt. Zunächst widme ich mich einer Figur, und am Ende eines Absatzes oder Kapitels habe ich keine Ahnung, wie’s weitergeht. Also schreibe ich das nächste Kapitel und mache so weiter, bis die Geschichte erzählt ist.

»Wonder Valley« spielt auf verschiedenen Zeitebenen, weil ich in früheren Fassungen mit zwei Settings arbeitete – die Wüste und Skid Row – und feststellte, dass eine meiner Figuren an beiden Orten vorkam. Also beschloss ich, dass sich die beschriebenen Ereignisse zu unterschiedlichen Zeiten im Leben dieses Protagonisten abgespielt haben mussten. So kam es zu dem erweiterten Zeitrahmen.

KSWie wichtig ist das Setting in Ihren Romanen?

IP: Für mich ist das Setting am allerwichtigsten. Ich schreibe wahnsinnig gern über Orte, sie faszinieren mich. Dann erfinde ich Figuren, die sie mit Leben füllen, und erst am Schluss kommt ihre Geschichte.

KSWas kommt als Nächstes?

IP (lächelt versonnen): Hmm, ich habe das Gefühl, mein nächster Roman wird wieder in Los Angeles spielen, denn ich schreibe am liebsten über den Ort, an dem ich selbst lebe. Meine Nachbarschaft ist recht skurril. Hier stehen lauter herrschaftliche Villen, die mittlerweile ziemlich heruntergekommen sind: das perfekte Setting für eine dunkle, mysteriöse Geschichte…

Krimiscout bedankt sich für die interessanten Antworten und wünscht Ivy Pochoda viel Erfolg!

© dt. Übersetzung: Andrea O’Brien, Krimiscout 2017


Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung der Autorin.