Angesichts der schieren Vielseitigkeit und Bandbreite der so genannten Spannungsliteratur erweist sich die schlichte Genre-Schublade »Krimi« immer wieder als viel zu eng. So passt auch das Debüt »Little Deaths« von Emma Flint nicht ganz hinein, denn hier geht es nur vordergründig um den Mord an zwei kleinen Kindern. Das Grauen lauert woanders.

Eine ungehorsame Frau

New York, 1965 – Ruth Malone hat sich von ihrem Mann Frank getrennt und lebt mit ihren Kindern Frankie Jr. und Cindy im New Yorker Stadtteil Queens, in einem dicht besiedelten Wohnviertel, wo jeder jeden kennt und die Scheibengardinen zucken. Als allein erziehende Frau hat Ruth keinen leichten Stand,  zumal sich alle einig sind, dass ihr Mann ein guter Kerl ist und sie keinen Grund hatte, ihn zu verlassen. Besonders unbeliebt macht sich Ruth außerdem, weil sie viel Wert auf ihr Äußeres legt und ihre weibliche Attraktivität schamlos zur Schau stellt. Und dann arbeitet sie auch noch in einer Cocktailbar!

Als ihre Kinder eines Nachts aus ihrem Zimmer verschwinden, gerät die Gerüchteküche rasch ins Brodeln. Für die meisten Nachbarn steht fest: die Mutter steckt dahinter. Kurze Zeit später werden die Leichen der Kinder auf einem brach liegenden Grundstück entdeckt – und die Hexenjagd beginnt.

Basierend auf einer wahren Geschichte

Die Geschichte der Ruth Malone ist so beklemmend wie vertraut. Emma Flints Roman basiert auf dem wahren Kriminalfall um Alice Crimmins, doch auch deutsche Leser werden schnell an ähnlich gelagerte Fälle denken. Vielen von uns ist der Name Monika Weimar noch im Gedächtnis haften geblieben.

Die Polizei findet rasch »Beweise«, die die Schuld der Mutter belegen sollen: leere Bourbonflaschen im Müll, aufreizende Kleidung, stapelweise Liebesbriefe von verschiedenen Männern und ein kleines schwarzes Notizbuch voller Telefonnummern. Schnell wird Ruth Malone von der trauernden Mutter zum dauerbetrunkenen Flittchen stilisiert, dem seine Kinder egal sind. Treibende Kraft hinter dieser Hexenjagd ist Detective Devlin, ein streng gläubiger Katholik. Für ihn gehören Frauen an den heimischen Herd und haben sich gefälligst brav und unauffällig zu benehmen. Der alte Detective fällt sein Urteil bereits zu Beginn der Ermittlungen: Ruth Malone hat ihre Kinder ermordet, weil sie ihrem lockeren Lebenswandel im Weg standen.

Und die Geier kreisen

Natürlich ist auch die Presse nicht weit und bauscht die vermeintliche Skandalgeschichte weiter auf. Pete Wonicke, ein aufstrebender Jungreporter, ist zufällig am richtigen Ort, als die Tragödie ihren Lauf nimmt. Fest entschlossen, sich einen Namen zu machen, setzt er sämtliche Hebel in Bewegung, damit sein Chef ihm die Story überträgt. Doch die Recherche für seinen Artikel zieht ihn immer weiter in Ruth Malones Bann, bis er schließlich von ihr besessen ist. Er glaubt, dass Ruth mehr ist als die schamlose Femme Fatale, die die Öffentlichkeit, die Presse, die Polizei und selbst die Justiz in ihr sieht. Doch auch er findet keine Antwort auf die zentrale Frage: Hat Ruth Malone ihre Kinder ermordet?

Zwei Erzählperspektiven fordern die Geduld der Leser

Der Roman ist aus Sicht der beiden Hauptfiguren erzählt, und sowohl Ruth Malone als auch Pete Wonicke lassen sich dabei sehr viel Zeit. Das hat mitunter ein paar Längen, doch manche Geschichten erfordern einfach Geduld.

Durch die vorsichtige Annäherung an ihr Thema erzielt Flint allerdings große Eindringlichkeit. Je unnahbarer Ruth Malone erscheint, desto näher rückt ihr Wonicke auf den Pelz. Doch nur der Leser kennt ihren Schmerz, kann ihre innere Qual erahnen. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen der Wahrnehmung des Beobachters mit seinem dringenden Wunsch, dem Objekt seiner Begierde nah zu kommen, und dem tatsächlichen Fühlen und Denken der Mutter. Wonicke will Ruth durchdringen, sie durchleuchten bis in den kleinsten Winkel, sie besitzen – doch sie bleibt undurchsichtig und fern. Damit spiegelt das Verhältnis der beiden Erzähler auch die Konstellation zwischen Ruth und dem Polizisten Devlin.

Mit Ruth Malone hat die Autorin eine nicht immer sympathische, aber vielschichtige, authentische Figur erschaffen, die allen Konventionen zuwiderläuft – und dafür einen hohen Preis bezahlt.

Ihren sinnlichen, bisweilen poetischen Beschreibungen der trauernden, trotzigen, zerbrechenden Hauptfigur setzt Emma Flint immer wieder harte und verknappte Passagen entgehen, entwirft Miniaturen der Qual und setzt gekonnt Akzente, die wie Hinweisschilder auf das verweisen, was dahinter liegt. Mit ihrer Bildsprache entwickelt die Autorin oft ein Gegenbild zur kühlen, gefühllosen Sachlichkeit ihrer Hauptfigur und macht sie so zu einer tiefgründigen Persönlichkeit, die am öffentlichen Urteil zerbricht.

Ein lesenswerter Roman und ein gelungenes Debüt.


(c) Andrea O’Brien, 2018