Die amerikanische Autorin Heather Young hat mit »The Lost Girls« ein eindrucksvolles Debüt veröffentlicht. Im Gespräch mit Krimiscout gewährt die Autorin den Lesern nicht nur Einblicke in ihr Allerheiligstes.

Heather Young im Interview mit Krimiscout

KS: Ist ein Buch erst einmal erschienen, hat der Autor keine Kontrolle mehr darüber. Wie stehen Sie zu dieser These?

HY: Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn vollkommen Fremde »mein« Buch lesen, mit dem ich so viele intime Stunden verbracht habe. Aber irgendwie wird es erst dadurch vollständig und rund – und das ist eine wichtige Erkenntnis. Vor der Veröffentlichung habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, aber jetzt verstehe ich, dass ein Autor sich eine Geschichte ausdenkt und diese mit Figuren, einer Handlung und einem zentralen Thema anreichert, aber erst durch den Leser wird dieser Prozess abgeschlossen, denn er betrachtet dieses Produkt meiner Fantasie durch den Filter seiner Erfahrung und seiner Lebenseinstellung.

So ist es ja mit allen Kunstformen, und das Ganze funktioniert auch, wenn das Buch gar nicht veröffentlicht wird. Das Zusammenspiel zwischen Autor und Leser, diese Alchemie, läuft jedes Mal ab, wenn eine Geschichte erzählt wird, ob nur einer Person oder vielen. Es erfüllt mich mit großer Freude zu wissen, dass völlig fremde Menschen, denen ich nie zuvor begegnet bin, »The Lost Girls« auf ihre ganz persönliche Art lesen, verstehen und damit zu einem vollständigen Ganzen machen.

KS:  Würden Sie sagen, Sie gewinnen mit jedem Buch mehr Selbstvertrauen?

HY: Ich schreibe gerade erst an meinem zweiten Roman, daher kann ich jetzt noch nichts dazu sagen. Aber eines ist bereits klar: Es wird nicht leichter! Weil ich schon einen Roman geschrieben habe, bin ich nun zwar sicher, dass ich auch einen zweiten hinbekomme, aber im Umgang mit dem Schreiben selbst bin ich immer noch unsicher. Da ist diese Stimme in meinem Kopf, die mir ständig einredet, das meiste, was ich aufs Papier bringe, sei Mist. Ich muss mir immer wieder sagen, dass ich besser werde, wenn ich an mir arbeite, Schritt für Schritt.

KSWie gefällt Ihnen das Schreiben als Vollzeitbeschäftigung? Geht es Ihnen manchmal auf die Nerven?

HY: »The Lost Girls« ist in den Zeiten entstanden, die ich mir freigeschaufelt habe, wenn ich all die anderen Aufgaben in meinem Alltag erledigt hatte. Das ist ein Grund, warum ich für diesen Roman ganze sieben Jahren gebraucht habe. Die Menschen in meinem Umfeld hielten meine Schreibtätigkeit für ein Hobby, und ich hatte noch nichts veröffentlicht, daher hatte ich das Gefühl, mir nicht allzu viel Zeit dafür abzweigen zu dürfen. Jetzt, wo mein erster Roman erschienen ist und ich den nächsten zu einem bestimmten Termin liefern muss, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich zurückziehe, weil ich arbeiten muss. Das finde ich richtig klasse. Andererseits bedeutet das Schreiben als Vollzeitbeschäftigung auch, dass man oft lange allein vor sich hinarbeitet, was zu sozialer Isolation führt. Ich muss mich gelegentlich daran erinnern zu duschen, mich anzuziehen und rauszugehen.

Ich muss mich gelegentlich daran erinnern zu duschen, mich anzuziehen und rauszugehen.

 

KS: Wo schreiben Sie?

HY: Ich arbeite in unserer Bibliothek, die mein Vater gebaut hat. Mein Vater war zwar von Beruf Anwalt, schreinerte aber in seiner Freizeit gern. In meinem Elternhaus gab es eine Bibliothek, die er selbst gebaut hatte, und so eine wollte ich unbedingt auch in meinem Haus haben. Jahrelang habe ich meine Bücher von Wohnung zu Wohnung mitgeschleppt, nirgends war genug Platz für sie, und ich musste sie teilweise sogar im Keller lagern. Als  mein Mann und ich endlich ein eigenes Haus kauften, fuhr mein Vater mit seinem Werkzeug quer durch Amerika, um mir diese fantastische Bibliothek mit raumhohen Buchregalen aus Kirschholz zu schreinern. Sie hat sogar ein Buntglasfenster und einen antiken Kamin. Er baute mir außerdem einen Rollschreibtisch aus einer antiken Kirchenorgel, und dort sitze ich, wenn ich schreibe: in meiner Bibliothek, umgeben von meinem Lieblingsgeschichten.

KSGibt es einen Mythos über Schriftsteller, den Sie gern entlarven würden?

HY (klatscht in die Hände): Ha, gute Frage! Ich glaube, der größte Mythos besteht darin, dass alle glauben, man schwimme in Geld, kaum dass man den ersten Roman veröffentlicht hat. Und viele meinen, das Buch würde automatisch verfilmt. Ich weiß nicht, wie viele Leute mich schon gefragt haben, wann endlich der Film zum Buch kommt. (HAHA!) In Wahrheit reicht das Einkommen eines Schriftstellers – zumindest bei den  meisten von uns – kaum zum Leben. Aber ich will nicht jammern, denn ich kann mit dem Geld verdienen, was mir am meisten Freude bereitet, und ich würde mit niemandem tauschen wollen.

KS: Sämtliche ihrer weiblichen Figuren sind zunächst wenig liebenswert. War das Absicht?

HY: Ja. Ich wollte, dass alle meine Figuren, männlich wie weiblich, komplexe, mit Fehlern behaftete Persönlichkeiten sind, weil ich solche Menschen am interessantesten finde, sowohl in der Literatur als auch im echten Leben. Ich finde es außerdem wichtig zu zeigen, dass Frauen genauso komplex und abgründig sein können wie Männer und am besten auch, dass sie sich ohne fremdes Zutun (also ganz ohne Mann) zerstören oder auch retten können. Wenn ich das mit meinem Buch etwas klarer machen könnte, würde mich das stolz machen.

KS: Was ist Ihrer Meinung nach das zentrale Thema in Ihrem Roman?

HY (denkt nach): Es geht in meinem Buch um Loyalität und Verrat, um unsere Schuld geliebten Menschen gegenüber, die Macht der Vergangenheit und ihren Einfluss auf Folgegenerationen, um die Möglichkeit zur Wiedergutmachung … (lacht) klingt ganz schön abgehoben, wenn ich das jetzt so sage, aber das waren die Themen, die mich damals umtrieben.

Mir gefiel die Idee, die Vergangenheit (in der es um Tod und das Ende der Hoffnung geht) im Sommer spielen zu lassen, und die Gegenwart (in der es um Leben und die Möglichkeit der Wiedergutmachung geht) im Winter, wenn alles tot und unter einer Eisschicht begraben ist. Ich glaube, dieser Kontrast macht die beiden Handlungsstränge besonders spannend.

KSWie wichtig ist das Setting in Ihren Romanen?

HY: Extrem wichtig. Der See im Roman basiert auf einem realen See, an dem ich die Sommer meiner Kindheit verbrachte, daher hat dieser Ort schon immer meine Fantasie angeregt. Das richtige Setting für diese Geschichte ist er insofern, als dass er so abgelegen und isoliert liegt, weswegen die Geschichte der Familie auch über Generationen hinweg relevant ist. Der See und das Haus machten es mir möglich, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen. Dazu ist Wasser in diesem Roman eine Metapher für das Leben und den Tod. Mir gefiel die Idee, die Vergangenheit (in der es um Tod und das Ende der Hoffnung geht) um Sommer spielen zu lassen und die Gegenwart (in der es um Leben und die Möglichkeit der Wiedergutmachung geht) im Winter, wenn alles tot und unter einer Eisschicht begraben ist. Ich glaube, dieser Kontrast macht die beiden Handlungsstränge besonders spannend.

KSWas kommt als Nächstes?

HY: Ich arbeite an meinem zweiten Roman mit dem Titel »Lovelock«. Auch hier geht es wieder um einen ungeklärten Todesfall in einer Kleinstadt, die diesmal allerdings mitten in der Wüste liegt. In diesem Roman geht es erneut um Familie, Landschaft und Umgebung und den Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart. Da die Vergangenheit in diesem Roman schon 15.000 Jahre zurückliegt, und die Kleinstadt eigentlich eine menschliche Siedlung ist, ist der Einfluss der Vergangenheit auf diese Geschichte erwartungsgemäß groß.

Krimiscout bedankt sich für die interessanten Antworten und wünscht Heather Young viel Erfolg!

© dt. Übersetzung: Andrea O’Brien, Krimiscout 2017