Warnung: Der folgende Artikel ist nicht repräsentativ, höchst subjektiv und nicht für empfindliche Gemüter geeignet. Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr!

Tja, schon wieder ein Jahr vorbei. Und ein neuer Rückblick ist angesagt. Lange habe ich darüber nachgedacht, welche Spannungsromane mich in den vergangenen Monaten beeindruckt haben.

Life’s a bitch and then it’s 2020

2019: Das Jahr der großen Entdeckungen? Leider nicht.

2019: Das Jahr der innovativen Krimis? Nope.

2019: Das Jahr, in dem ich einen großartigen Spannungsroman gelesen habe. Ja, genau. Einen.

Dabei ist es wichtig zu beachten, dass diese Einschätzung allein meinem Geschmack und meiner persönlichen Auswahl an Lesematerial geschuldet ist, es gibt sicher ganz großartige Krimis, die mir in meiner Beschränktheit entgangen sind. So ist das manchmal. Life’s a bitch and then it’s 2020.

Die ersten großen Langweiler des Jahres 2019 waren Gilly MacMillan, Emily Carpenter und Douglas Skelton.

Verschaukelt

Wie Denise Mina (s.u.) greift auch MacMillan in ihrem Roman I Know You Know das immer beliebter werdende Medium des True-Crime-Podcasts auf, was ich deswegen problematisch finde, weil Podcasts zum Hören da sind und als langatmig integriertes Skript den Lesefluss stören.

(c) William Morrow

Doch darin liegt gar nicht meine Hauptkritik. MacMillan baut ihre recht komplexe Handlung über mehrere hundert Seiten hinweg auf und bevölkert diese mit vielschichtigen Figuren. Kurz vor Schluss aber gilt das alles plötzlich nicht mehr, stattdessen will die Autorin uns ohne weiteren Kontext weismachen, dass alles, was sie uns vorher lang und breit aufgetischt hat, eigentlich genau umgekehrt ist. Unerwartete Wendungen kenne ich eigentlich anders. Natürlich darf man seine Leser aufs Glatteis führen und mit unzuverlässigen Erzählern täuschen – das finde ich sogar sehr spannend – , doch bei MacMillan wirkt es eher, als hätte sie ihre Handlung vor dem Niederschreiben nicht zu Ende gedacht und daher kurzerhand alles zurückgenommen, was sie vorher behauptet hat, nur damit die Geschichte irgendwie aufgeht. Nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Verzeihung, aber als Leserin fühle ich mich von ihr verschaukelt.

Geschmolzener Mozzarella

(c) Lake Union Publishing

Emily Carpenter schießt mit ihrem abstrusen Psychotrip Every Single Secret wirklich den Vogel ab. Die Verlobten Daphne und Heath beschließen, vor derHochzeit ein paar Wochen in einem einsamen Retreat bei einem schrägen Psychoguru zu verbringen. Beide hatten eine traumatische Kindheit und sind nicht ganz ehrlich miteinander (Man beachte das Wort „Secret“ im Titel). Leider ist die Geschichte trotz aller Kapriolen sterbenslangweilig, völlig vorhersehbar, der Handlung fehlt der rote Faden, und das, was am Ende als überraschende Wendung oder große Enthüllung gedacht war, erinnert mich ein bisschen an geschmolzenen Mozzarella – Sie wissen schon, diese gefühlt tausend Fäden, die so klebrig an einem herunterhängen?

Klischees sind nicht genug

(c) Polygon

Schauplatz der Handlung in Douglas Skeltons Roman Thunder Bay ist eine kleine Hebrideninsel. Kenner der Shetland-Reihe von Ann Cleeves und Peter Mays Lewis-Trilogie sind mit den üblichen Klischees vertraut: dicke Wollpullis, kauzige Nachbarn, Hunde, Wind und Whiskey (und mindestens eine Mhairi). Ist ja auch alles ganz nett und kuschelig, aber ein bisschen mehr muss da schon rüberkommen, um das Ganze von den üblichen Urlaubskrimis zu unterscheiden. Das gelingt aber leider nicht, die Geschichte braucht ewig, um richtig in Gang zu kommen, und das Ende überrascht leider überhaupt nicht. Bei aller Idylle und Tragfähigkeit des Handlungsorts darf man sich eben nicht nur auf die damit verbundenen Klischees verlassen.

Weiter ging meine Suche. Ich durchstreifte die düsteren Gassen der fiktionalen Unterwelt und traf dort altbekannte Spannungsmeister wie Denise Mina, Kate Atkinson, Adrian McKinty, Michael Robotham, Karen Slaughter und William Kent Krueger.

Anstrengend

(c) Vintage

Denise Minas Roman Conviction („Klare Sache“, dt. von Zoë Beck) hat mich zugegebenermaßen wenigstens streckenweise unterhalten, nur der überambitionierte Plot nervte mich irgendwann, außerdem störten mich die selbstironische Erzählerinnenhaltung und Minas Bestreben, alle Handlungsstränge bis ins Absurde hochzuschaukeln und immer noch einen draufzusetzen.

Das fand ich ehrlich gesagt zu anstrengend.

Geschwätzig

Mit Big Sky, Kate Atkinsons heißersehnter Fortsetzung der Reihe um Jackson Brodie, hatte ich ähnliche Probleme, auch diesen Roman fand ich anstrengend, nicht weil der Plot zu komplex oder das Thema zu anspruchsvoll gewesen wären,  sondern weil mir der Erzähler auf die Nerven ging, so wie es einem mit Menschen gehen mag, die nicht viel zu sagen haben, sich aber gerne reden hören. Atkinson schmückt ihre klugen, immer wieder auch witzigen Girlandensätze leider unablässig mit geistreichen (in Klammern gesetzten) Ergänzungen aus, was leider nicht dazu dient, eine einzelne Figur zu charakterisieren, sondern sich gleichmäßig durch den gesamten Roman zieht.

Geschwätzig nennt man das wohl.

Seichtes Drehbuch

(c) Mulholland Books

Adrian McKinty, eigentlich ein zuverlässiger Held meiner fiktionalen Spannungswelt, hat mich mit The Chain („The Chain. Durchbrichst du die Kette, stirbt dein Kind“, dt. von Anke und Eberhard Kreuzer) so richtig enttäuscht. Sowohl die Handlung als auch Figuren und ihr Verhalten sind völlig an den Haaren herbeigezogen. Schiefe Sätze, die sich (im englischen Original) geschickt am Lektorat vorbeigemogelt haben, lenken von der Spannung ab, die man mit viel gutem Willen in diesem Roman finden mag.

Das Ganz mutet an wie ein seichtes Drehbuch – oder ein alberner Kettenbrief.

Thriller vom Reißbrett

(c) Simon & Schuster

Michael Robotham hat mich in der Vergangenheit mit seiner Joe-O’Loughlin-Serie trotz einer gewissen Formelhaftigkeit immer ganz gut unterhalten, doch der erste Band seiner neuen Serie mit dem Titel Good Girl, Bad Girl ( „Schweige still“, dt. von Kristian Lutze) um den forensischen Psychologen Cyrus Haven hat mich nicht überzeugt.

Die Ausführung ist mittelmäßig, die Figuren vom Reißbrett, die Handlungsmuster aus vielen anderen Krimis bekannt.

Billige Massenware. Leider.

Zwei Turteltäubchen in Atlanta

(c) William Morrow

Karen Slaughters neuestes Werk The Last Widow („Die Letzte Witwe“, dt. von Fred Kinzel) dreht sich wieder um Sara Linton und Will Trent, die ewigen Turteltäubchen im gewalttätigen Atlanta, Georgia. Dieser Roman ist von der Autorin offenbar schnell zu Papier gebracht worden und wird vermutlich von dieser Leserin ebenso schnell vergessen werden. Die beiden Hauptfiguren haben sich aus einem Nackenbeißer in einen Thriller verirrt. Außerdem geht es um Kidnapping, einen rechtsextremen Kult und Terrorismus.

Spannend? Eher weniger.

Religiös weichgespült

(c) Simon & Schuster

Bleibt nur noch der eigentlich großartige William Kent Krueger. Ich weiß nicht, was den Autor zwischen seinem eindrucksvollen letzten Roman Ordinary Grace („Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“, dt. von Tanja Handels) und seinem neuesten Roman mit dem englischen Titel This Tender Land befallen hat, aber seine nach innen gewandte, sentimentale, befremdlich religiös-esoterische, naive Erzählhaltung hat bei mir schon auf halber Strecke Bauchweh verursacht. Ich konnte den Roman nicht zu Ende lesen. Unendlich schade, aber dieses Buch hat mich völlig kalt gelassen.

 

In der Not frisst der Teufel Fliegen. Das wusste schon meine Oma, die gerne Dreigroschenromane las

Und so versuchte ich es mit Joel Dicker, Laura Lippmann. Sarah Moss und Delia Owens.

Irrungen und alte Bekannte

Während Dicker sich in Das Verschwinden der Stephanie Mailer (dt. von Amelie Thoma, Michaela Meßner) im Dickicht seines überambitionierten Plots verirrt, dekliniert Lippmann in ihrem Roman Sunburn altbekannte Muster durch, schafft es aber nicht, auch nur ein Fünkchen Spannung aufzubauen.

Der Brexit wirft langweilige Schatten

(c) Granta Books

Wie viele andere britische Krimiautor*innen, die ich in diesem und dem vergangenen Jahr gelesen habe, beschäftigt sich auch Sarah Moss in Ghost Wall („Geisterwand“, dt. von Nicole Seifert, erscheint 2020) mit den zum Brexit gehörenden Denkmustern einiger Teile der britischen Gesellschaft, was an sich sicher interessant ist, bei ihr aber leider schablonenhaft ausfällt und nicht wesentlich zur Debatte beiträgt.

Kann man, muss man aber nicht lesen

(c) Putnam

Die Flusskrebse (Where the Crawdads Sing, „Der Gesang der Flusskrebse“, dt. von U. Wasel, K.Timmermann), nun ja, kann man sich anhören bzw. lesen, muss man aber nicht (s. Mittelmäßigkeit). Den Hype um dieses Buch kann ich nicht nachvollziehen.

Wenn für mich bei einem Buch bis zu einem gewissen Punkt keine Spannung aufkommt und das Lesen zur Pflichtübung wird, lege ich es zur Seite

Unter meinen persönlichen Langweilern dieses Jahres tummelten sich außerdem Harriet Tyce, Blood Orange („Blood Orange. Was sie nicht wissen“, dt. von Kerstin Winter), Emily Gunnis, The Girl in the Letter („Das Haus der Verlassenen“, dt. von Carola Fischer), M.W. Craven, The Puppet Show, Louise Doughty, Honey-Dew und James Delargy, 55 (55 – Jedes Opfer zählt“, dt. von Alexander Wagner). Wenn für mich bei einem Buch bis zu einem gewissen Punkt keine Spannung aufkommt und das Lesen zur Pflichtübung wird, lege ich es zur Seite. Und verschwende an dieser Stelle nicht noch mehr Zeit damit, mein sehr subjektives Urteil weiter auszuführen, denn das wäre vermutlich noch langweiliger.

(c) Vintage

Aber es gab auch Begeisterungsmomente. Ich erwähnte eingangs diesen einen Roman, der mich tatsächlich beeindruckt hat: Peter Heller, The River („Der Fluss“, dt. von Matthias Strobel). Warum? Weil der Autor schreiben kann, mich in seine Welt entführt, weiß, wie man knisternde (das musste sein) Spannung aufbaut und menschliche Abgründe auf ergreifende Art darstellt. Wer es genauer wissen will, kann einfach hier weiterlesen.

Vielversprechender Ausblick auf 2020

Kurz vor Schluss des Jahres flatterte mir dann doch noch ein wirklich vielversprechendes Buch auf den Tisch. Steph Cha, Your House Will Pay („Brandsätze“, dt. von Karen Witthuhn, erscheint 2020) erzählt die tragische Geschichte zweier Familien in LA, deren Schicksale sich an entscheidenden Punkten kreuzen.

(c) Ecco

Fazit: Ich freue mich auf 2020. Es kann nur besser werden.

(c) Andrea O’Brien 2019