Belinda Bauer wuchs in England und Südafrika auf. Sie arbeitete als Journalistin und Drehbuchautorin und erhielt bereits mehrere Auszeichnungen, u.a. den  Bafta Award for Young British Screenwriters und den Gold Dagger. Ihr neuester Roman »Snap« schaffte es auf die Longlist des Booker Prize. Die Autorin lebt in Wales.

Autorin Belinda Bauer im Interview mit Krimiscout

KS: Ist ein Buch erst einmal erschienen, haben AutorInnen keine Kontrolle mehr darüber. Wie stehen Sie zu dieser These?

BB: Das sehe ich nicht so. Es gehört mir, aber ich teile es gern mit meinen LeserInnen…

KS:  Würden Sie sagen, Sie gewinnen mit jedem Buch mehr Selbstvertrauen?

BB: Nein, jedes Buch erscheint mir aufs Neue unmöglich. Manchmal, wenn mir eine Geschichte mittendrin als völlig misslungen und miserabel geschrieben erscheint, muss ich eine Pause einlegen und in meinen früheren Romanen nachlesen, damit ich wieder weiß, dass ich bei jedem einzelnen exakt dieselbe Phase durchlaufen habe und sie am Ende trotzdem alle gut geworden sind.

KSWie gefällt Ihnen das Schreiben als Vollzeitbeschäftigung? Geht es Ihnen manchmal auf die Nerven?

BB: Manchmal schon, aber dann erinnere ich mich wieder daran, wie gut ich es habe, als Autorin arbeiten zu dürfen. Danach reiße ich mich zusammen und mache weiter.

KS: Haben Sie ein Arbeitszimmer? Bitte beschreiben Sie es für unsere LeserInnen.

BB: Ja, ich habe ein Arbeitszimmer, aber es kommt vor, dass dort (wie jetzt) ein derart peinliches Durcheinander herrscht, dass nicht mal ich darin arbeiten wollte, geschweige denn, es zu fotografieren und anderen zu zeigen. Ich schreibe außerdem gern auf dem Sofa, im Garten und im Bett.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne…

KSGibt es einen Mythos über Schriftsteller, den Sie gern entlarven würden?

BB (lacht): O ja! Es gibt Leute, die denken, man würde nur arbeiten, wenn man am Schreibtisch sitzt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft ich mir im Garten besonders geschickte Wendungen ausdenke  – und dann kommt jemand auf mich zu und sagt: »Ach, wie schön, dass Sie gerade eine Pause machen…« Die würde ich am liebsten erschießen!

Es erfordert einfach Geduld und Zeit, um manche meiner Figuren zu verstehen, doch es besteht kein Anlass, sich nicht mit ihnen zu beschäftigen. Wenn ich sie so entwickele, tue ich das aus gutem Grund.

KS: Viele Ihrer Figuren sind nicht auf Anhieb liebenswert, und es gibt LeserInnen, die es schwer finden, mit unsympathischen Figuren Mitgefühl zu entwickeln oder sich mit ihnen zu identifizieren. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

BB (runzelt die Stirn): Es wäre unrealistisch, eine Welt zu schaffen, die nur von liebenswerten Leuten bevölkert ist. Es erfordert einfach Geduld und Zeit, um manche meiner Figuren zu verstehen, doch es besteht kein Anlass, sich nicht mit ihnen zu beschäftigen. Wenn ich sie so entwickele, tue ich das aus gutem Grund.

Mir geht es darum, eine gute Geschichte zu erzählen – das Genre ist mir dabei egal.

 

KSIn meiner Besprechung Ihres Romans »Snap« komme ich zu dem Schluss, dass Kinder Ihre heimlichen Helden sind. Liege ich damit richtig?

BB (lächelt): Unbedingt. Ich finde es extrem spannend zu erzählen, wie Kinder sich in Erwachsenensituation bewähren müssen. Ich glaube, bei uns im Westen unterschätzen wir oft, wie widerstandsfähig und intelligent Kinder sind. In Entwicklungsländern müssen Kinder mitunter sehr schnell erwachsen werden. Damit will ich nicht sagen, dass ich das erstrebenswert finde, sondern ich finde es beachtenswert, was Kinder leisten können, wenn sie es müssen. Ein Elfjähriger, der wie in meinem Roman für die Familie sorgt, würde in Afrika keinerlei Aufsehen erregen.

KS: Was hat Sie dazu inspiriert, Spannungsromane zu schreiben?

BB: Es gab keinen besonderen Auslöser. Ich hatte keinen großen Erfolg mit meinen Drehbüchern, aber immer schon Ideen für zwei Bücher im Kopf, die ich nicht für Drehbücher verschwenden wollte. Die erste Idee war ein Thriller mit dem Titel »High Rollers« (in Deutschland laut Autorin unter dem Titel »Crash« erschienen) und die andere wurde zu meinem Debüt »Blacklands« (dt. Das Grab im Moor, ÜS: Marie-Luise Bezzenberger). Letzterer wurde zuerst veröffentlicht und ich zur Krimi-Autorin. (lacht) Hätte man »Crash« zuerst veröffentlicht, wäre aus mir der nächste James Patterson geworden. Mir geht es darum, eine gute Geschichte zu erzählen – das Genre ist mir dabei egal.

KS: Lesen Sie in Ihrer Freizeit Kriminalromane? Gibt es einen Roman, der Sie besonders beeindruckt hat?

Ich lese keine moderne Literatur. Seit ich selbst schreibe, kann ich mich nicht mehr in einem Buch verlieren – und das ist doch der Sinn und Zweck von Romanen. Das macht mich traurig, und deshalb lese ich keine Belletristik mehr. Stattdessen knöpfe ich mir gern Klassiker wie die Romane von Austen und Trollope vor, weil mir die Sprache gefällt und die Handlung keine wichtige Rolle spielt. Und Sachbücher, zwar überwiegend zu Recherchezwecken, aber es macht mir mittlerweile auch richtig Spaß. Vor Kurzem hatte ich große Freude an Chris Hadfields »Anleitung zur Schwerelosigkeit« (ÜS Elisabeth Schmalen und Johanna Wais).

KS. Was kommt als Nächstes? 

BB: Mein nächster Roman handelt von einem sehr langweiligen Senioren, der einen tödlichen Fehler begeht…

Krimiscout bedankt sich für die interessanten Antworten und wünscht Belinda Bauer viel Erfolg!

© dt. Übersetzung: Andrea O’Brien, Krimiscout 2018

Bildquellen

  • Belinda Bauer: @ Bildschön / Vance Duxbury