…, wie sind Sie eigentlich zum Übersetzen gekommen?

Nach meinem Philologiestudium habe ich erstmal eine Weile rumgejobbt, Sprachunterricht gegeben, auch ein bisschen gedolmetscht. Ans Übersetzen habe ich nicht im Entferntesten gedacht, schon gar nicht ans Literaturübersetzen. So etwas machten Schriftsteller nebenher oder Professorinnen im Ruhestand.

Dann ergab sich die Gelegenheit, in einem kleinen Hamburger Verlag ein Volontariat zu machen. Dabei durfte ich auch das eine oder andere Übersetzungsmanuskript redigieren, was mir sehr gefiel (sogar das Zitateraussuchen und -überprüfen (!), ich erinnere mich an ein Buch von Andrea Dworkin, in dem es unzählige gab), und dachte in meinem jugendlichen Hochmut: Ach, Übersetzen, das kann ich auch – und vor allem: das kann ich besser. Ich fragte also die Lektorin, ob ich auch einmal etwas für sie übersetzen könne, sie gab mir ein Buch, einen amerikanischen Ehekriegsroman, das weiß ich noch, und ich fertigte eine Probe an.

Die Lektorin fand sie gar nicht mal schlecht (obwohl mein Text von ihrem Rotstift überzogen war, als sie ihn mir zurückgab, und mein Hochmut, zack, verpuffte), gab mir noch ein paar Tipps, und ich durfte das ganze Buch übersetzen. Die Arbeit daran fühlte sich an, wie Arbeit sich anfühlen sollte: so eine Mischung aus Aufregung, Gespanntheit und dem untrüglichen Gefühl, etwas Gutes, Richtiges zustandebringen zu können.

Ich hatte Feuer gefangen und wollte nichts anderes mehr machen.

Und wie speziell zu Krimis?

Das war nicht geplant, kam aber auch nicht von ungefähr. Ich hatte schon seit der Schulzeit viele, vor allem britische, Krimis gelesen und war also nicht ganz unbeleckt in dem Genre.

Einer meiner ersten Übersetzungsaufträge, nachdem ich mich selbständig gemacht hatte, war dann jedoch ein italienischer Krimi, der auf Stromboli spielte – ein ganz wunderbares Buch, das Rätselhaftes, augenzwinkernden Humor und zahlreiche Verweise auf Filme und Krimiklassiker klug kombinierte (Gianni Farinetti: »Brennende Insel«). Ein echter Brocken zu Anfang – aber ich liebte ihn. Danach kamen bald auch englischsprachige Krimis, Thriller, sogenannte »Female suspense«-Geschichten hinzu. Irgendwann war ich dann mehr oder weniger auf das Genre festgelegt und bekam immer wieder Spannungsliteratur angeboten. Was mir nur recht ist, ich kann gar nicht genug davon kriegen.

Was – würden Sie sagen – sind die Herausforderungen beim Übersetzen von Spannungsliteratur?

Zunächst einmal die üblichen beim Literaturübersetzen: In erster Linie den Ton, den Rhythmus, das Besondere und Eigene eines Texts zu erfassen und im Deutschen wiederzugeben. Speziell bei Krimis haben wir es ja oft mit einer Vielfalt an Idiolekten, Soziolekten, Sprachebenen, Milieus zu tun. Da müssen die Dialoge sitzen, auch die erlebte Rede, die inneren Monologe.

Fingerspitzengefühl ist gefragt, ein Sinn für Atmosphäre. Wann kann ich sprachlich richtig losfetzen, vielleicht sogar etwas noch stärker herausarbeiten als im Original, wann müssen leisere Töne angeschlagen werden.

Zwischendurch gibt es häufig nachdenklichere Passagen, Beschreibungen von Interieurs, die zum Spannungsaufbau beitragen oder als Erholungspausen zwischen der Action fungieren. Auf geradezu lyrische Naturschilderungen oder melancholische Betrachtungen von Stadtlandschaften können im nächsten Absatz eine Verfolgungsjagd, ein brutaler Mord, eine Entführung folgen. Da muss man sich dann schnell umstellen beim Übersetzen und das richtige Register treffen. Fingerspitzengefühl ist gefragt, ein Sinn für Atmosphäre. Wann kann ich sprachlich richtig losfetzen, vielleicht sogar etwas noch stärker herausarbeiten als im Original, wann müssen leisere Töne angeschlagen werden. Beim Überarbeiten und Korrekturlesen achte ich daher auch besonders darauf, dass der Lesefluss, das Tempo stimmen.

Kampfszenen sind auch so eine Sache, die werden im Englischen, teils auch im Italienischen, anatomisch sehr viel konkreter beschrieben als im Deutschen. Da gilt es dann, einerseits die Bewegungsabläufe gut nachvollziehbar zu machen, andererseits die Geschwindigkeit und damit die Spannung nicht zu bremsen. Krimispeziell, besonders in US-amerikanischen, meiner Erfahrung nach, sind auch häufige Wortspiele. Außerdem Fachsprachliches, Ermittlungsverfahren, Polizeiorganisation, Prozessrecht etc. Bei verschlungenen Plots ist es manchmal eine Herausforderung, den Überblick zu behalten und in der Figurenrede stringent zu bleiben.

Bei literarisch weniger anspruchsvollen Titeln wird von den Verlagen oft erwartet, dass man sozusagen lektorierend übersetzt, Logikmängel behebt, für gute Lesbarkeit sorgt.

Ansonsten gibt es auch bei KrimiautorInnen natürlich eine große Bandbreite, was Stil, Kunst der Charakterisierung, Psychologie etc. angeht. Bei literarisch weniger anspruchsvollen Titeln wird von den Verlagen oft erwartet, dass man sozusagen lektorierend übersetzt, Logikmängel behebt, für gute Lesbarkeit sorgt. Manchmal hebe ich quasi im Vorübergehen das sprachliche Niveau, weil ich die Lesegewohnheiten des Zielpublikums im Kopf habe (gilt aber nur für Unterhaltungsliteratur!) und deutschsprachigen Lesern z. B. nicht ständig kurze Hauptsatzreihen oder Wortwiederholungen zumuten kann. Wichtig ist dabei,  die Autorintention im Auge zu behalten und nur dort einzugreifen, wo es ihr dient, also dem Text nicht den eigenen Geschmack aufzustülpen. Manchmal eine Gratwanderung.

Welcher Titel aus Ihrem Oeuvre hat ihnen besonders viel Freude bereitet? Warum?

Steve Hamiltons »The Lock Artist«, (dt. »Der Mann aus dem Safe«), weil das Buch eine großartige Mischung aus Thriller und Entwicklungsroman ist.  Spannend, originell (der Held ist nach einem Kindheitstrauma stumm und kommuniziert mit seiner Freundin via Comicstrips) und mit einem entlarvenden Blick auf die heuchlerische, geldfixierte Welt der Erwachsenen. Außerdem in einem ganz besonderen Ton geschrieben, einer Art nüchternen Melancholie, die nachzubilden enorm viel Freude gemacht hat.

Gibt es Titel und/oder Autoren aus dem Bereich Spannung, die Ihrer Meinung nach unbedingt noch für den deutschen Markt übersetzt werden sollten?

Da ich eine Vorliebe für alles Schottische habe:  z. B. Karen Campbell, deren Roman »Rise« auch schon hier vorgestellt wurde und die auch einige Glasgow-Krimis verfasst hat. Peter Mays »Runaway« (2015), ein ungewöhnlicher Krimi, eine Geschichte über geplatzte Jugendträume, Freundschaft, Lebenslügen. Die englische Autorin Susan Wilkins, von deren Kaz-Phelps-Trilogie ich den ersten Teil, »Bruderherz« übersetzt habe und sehr besonders fand. Eine (geläuterte) kriminelle Heldin, ein brutaler Verbrecherclan, sehr überzeugend dargestellt.

Was sollten Leser unbedingt über Übersetzer wissen?

Wir lieben Fremdsprachen, aber wir müssen vor allem unheimlich gut Deutsch können.

 

Krimiscout bedankt sich bei Karin Diemerling und wünscht ihr weiterhin viel Erfolg.


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